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Ruggeller Riet

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Autorinnen: Nidija Felice, Anna Merz | Stand: 31.12.2011

Naturschutzgebiet. Gemeinde Ruggell und Schellenberg, 93,4 ha, 430 m ü.M. Name von althochdeutsch (hr)riot für sumpfiges, mit Schilf bewachsenes Gebiet (Moor). Unterschutzstellung 1978. Lage nördlich von Ruggell im Dreiländereck Liechtenstein-Österreich-Schweiz. Grundeigentümer sind die Gemeinde Ruggell, die Agrargemeinschaft Altenstadt, das Land Liechtenstein und Privatpersonen; seit 1973 bringt die Liechtensteinische Gesellschaft für Umweltschutz (LGU) Boden durch Kauf-, Tausch- und Pachtverträge an sich. Das Ruggeller Riet wurde 1976 vom WWF International als Gebiet von internationaler Bedeutung anerkannt (IUCN/ WWF-Projekt 1367); es ist das einzige Ramsar-Konventions-Objekt Liechtensteins.

Landschaft und Nutzung

Der aus Alluvialböden mit bis 9 m mächtigen Torfauflagen und z.T. aus Torf-Lehm-Sandböden bestehende Untergrund entstand nach dem Abschmelzen des Rheingletschers (vor rund 16 500 Jahren) und der darauf folgenden Flachseebildung an der Nordseite des Eschnerbergs. Durch Verlandung bildeten sich im Lauf der Jahrtausende ausgedehnte Flachmoore; die Riedflora wanderte aus allen vier Himmelsrichtungen ein. Das Ruggeller Riet zeigt eine grosse biologische und strukturelle Vielfalt: Torfmoosdecken, Pfeifengraswiesen, Kleinseggenrieder, Kopfbinsenrasen, Moorgräben, Stillgewässer, alte Torfstiche und Gebüsche bieten Lebensraumnischen für seltene Pflanzen und Tiere. Seit 1970 erfolgen regelmässige floristische und zoologische Beobachtungen durch die Botanisch-Zoologische Gesellschaft (BZG). Bis 1990 wurden 736 Pflanzen- und 1631 Tierarten beschrieben, darunter die Sibirische Schwertlilie und der Grosse Brachvogel, der seit 1997 als Brutvogel verschwunden ist. Gefährdung durch Düngereinfluss, Verbuschung, Absenkung des Grundwasserspiegels, Verschilfung, Ausdehnung der Hochstaudenfluren und Goldrutenbestände, mangelnde Streuemahd durch private Besitzer und Freizeitaktivitäten. Gegenmassnahmen wurden 1979 in einem Pflegeplan festgelegt (1996 revidiert).

Seit dem Spätmittelalter ist die gemeinsame Streue- und Weide-, später auch Heunutzung durch Ruggell und Schellenberg im Ruggeller Riet belegt. Die Streue wurde jeweils im Spätherbst gemäht. 1641 erfolgte am Rand des Ruggeller Riets in der Widau die erstmalige Bodenausteilung an Ruggeller Gemeindegenossen. 1794 wurde das Gebiet zwischen den Gemeinde Ruggell und Schellenberg geteilt. Das 19. Jahrhundert sah eine erste Entwässerung und weitere Austeilungen von Gemeindeboden, auch ist eine Ausdehnung des Ackerbaus im Bereich des Rieds feststellbar. Die landwirtschaftliche Intensivierung nach dem Bau des Binnenkanals (Teilstück Bendern–Ruggell 1931–35) und des Spiersgrabens (1935) wird seit den 1970er Jahren durch Naturschutzbemühungen begrenzt. Der wahrscheinlich erst seit dem 19. Jahrhundert bedeutende Torfabbau ging nach dem Zweiten Weltkrieg zurück: 1992 letzter Torfstich, Zerfall der Torfhütten (1947 noch 101 Hütten, 1982 noch 12).
Nidija Felice

Archäologie

1990 im Ruggeller Riet entnommene Pollenprofile enthalten als älteste Zeichen menschlicher Anwesenheit Getreidepollen vom Beginn des 4. Jahrtausends v.Chr. Beim Torfabbau wurden prähistorische, v.a. bronze- und eisenzeitliche Metallfunde wie Schmuck und Waffen geborgen (z.B. ein eisenzeitlicher Bronzebeil). Sie sind zum grössten Teil als Weihegaben zu interpretieren. Andere Gegenstände wurden verloren oder versteckt, so ein 1884 entdeckter römischer Münzschatzfund des 4. Jahrhunderts n.Chr. (→Münzfunde).
Anna Merz

Literatur

J. Speck: Bronzefunde der Spätbronze- und Eisenzeit aus dem Fürstentum Liechtenstein, in: HA 9 (1978), 120–129; Naturmonographie Ruggeller Riet, in: Bericht BZG 18 (1989), 5–443; J. Biedermann: Das Naturschutzgebiet Ruggeller Riet, in: Bergheimat 1991, 29–66; Inventar Naturvorrangflächen, 1993, Objekt B 11.1; M.F. Broggi: Eine vergleichende Auswertung der Vegetationskartierungen des Ruggeller Riets (1972 und 1993), in: Bericht BZG 21 (1993), 47–56; A. Merz et al.: Zwei Pollenanalysen aus Liechtensteiner Riedlandschaften, in: JBL 93 (1995), 257–270; H. Frommelt: Der Fund von Eichenstämmen im «Ruggeller Riet», in: JBL 93 (1995), 271–278; FLNB I/4, 416; FLNB I/5, 427f.; Mit offenen Augen durch Liechtenstein, Hg. LGU, 2000, 154–168.

Externe Links

Geodatenportal, Amt für Bau und Infrastruktur, Liechtensteinische Landesverwaltung Liechtensteiner Namenbuch online

Zitierweise

Nidija Felice, Anna Merz, «Ruggeller Riet», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Ruggeller_Riet, abgerufen am 21.4.2019.

Medien

Der Grosse Brachvogel. © Andreas Klein, Dannau. Der Grosse Brachvogel (Numenius arquata L.) ist das Wahrzeichen des Ruggeller Riets, wo er bis 1997 brütete. Heute ist er noch Nahrungsgast.