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Russische Nationalarmee

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Autor: Peter Geiger | Stand: 31.12.2011

Im Zweiten Weltkrieg wurden für die Deutsche Wehrmacht russische Bürgerkriegsemigranten, sowjetische Gefangene und Deserteure für den Einsatz gegen die Rote Armee rekrutiert. Der Russe Graf Boris Smyslovsky alias Arthur Holmston baute 1941–45 solche Truppenteile auf, bildete sie in Agentenschulen aus und setzte sie in der Frontaufklärung sowie zur Bekämpfung sowjetischer Partisanen ein. Holmstons bis 6000 Mann starke Truppe hiess 1943 «Sonderdivision R» (Russland), 1944–45 «Einheit z. b. V.» (zur besonderen Verwendung) und ab dem 4.4.1945 «1. Russische Nationalarmee der Deutschen Wehrmacht». Von August 1944 bis Januar 1945 stand sie in Schlesien, danach zog sie sich über Sachsen nach Bayern zurück, weiter russische Gefangene rekrutierend. Am 18.4.1945 befahl Holmston den Rückzug Richtung Süden, um sich in die Schweiz zu retten. Einen Anschluss an die ebenfalls aus russischen Freiwilligen gebildete und auf deutscher Seite kämpfende Wlassow-Armee, die seinen Weg kreuzte, lehnte er ab.

In der Nacht vom 2./3.5.1945 trat der noch 494 Personen umfassende Rest der Russischen Nationalarmee vom vorarlbergischen Nofels her über die liechtensteinische Grenze nach Schellenberg über (darunter 33 Frauen und zwei Kinder; 23 Personen waren keine Russen). Die Holmston-Truppe wurde in Liechtenstein interniert. Fürst und Regierung bemühten sich, sie rasch loszuwerden. Bis Ende Juli 1945 verliess rund die Hälfte der Internierten Liechtenstein nach Vorarlberg zur Repatriierung. Weitere 104 Russen folgten im Sommer 1945 einer sowjetischen Repatriierungskommission. Gut 130 Russen, darunter rund 20 Frauen, weigerten sich, in die Sowjetunion zurückzukehren. Ihre Auslieferung lehnte die liechtensteinische Regierung ab. Bis 1948 emigrierten sie in westliche Länder, v.a. nach Argentinien. Holmston, seine Frau sowie der ehemalige Leutnant Michael Sochin lebten später wieder in Liechtenstein.

Die aus Liechtenstein repatriierten Russen wurden nicht kollektiv erschossen – wie man im Land bald annahm –, doch erlitten sie in der Regel ein trauriges Schicksal in Stalins Arbeitslagern. Die Russen-Internierung prägte sich ins kollektive liechtensteinische Gedächtnis ein. Ein undifferenzierter Russen-Mythos entstand: Liechtenstein habe als einziges Land Stalin getrotzt und die Russen-Armee nicht ausgeliefert. In Hinterschellenberg wurde 1980 eine Gedenkstele errichtet und 1995 ein russisch-orthodoxer Gedenkgottesdienst gefeiert. Die Russen-Internierung fand 1992 im französischen Spielfilm «Vent d’Est» und 1995 im Dokumentarfilm «Fluchtburg Liechtenstein» Niederschlag.

Literatur

C. Grimm: Internierte Russen in Liechtenstein, in: JBL 71 (1971), 41–100; H. von Vogelsang: Die Armee, die es nicht geben durfte, 1995; P. Geiger, M. Schlapp: Russen in Liechtenstein, 1996; Geiger: Kriegszeit, 2010.

Zitierweise

Peter Geiger, «Russische Nationalarmee», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Russische_Nationalarmee, abgerufen am 15.2.2019.