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Sagen und Legenden

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Autor: Herbert Hilbe | Stand: 31.12.2011

Sagen erzählen wunderbare, übernatürliche und aussergewöhnliche Vorkommnisse. Der Begriff «Sage» im heutigen Sinn wurde von den Gebrüdern Grimm für mündliche Erzählungen geschaffen, deren Anspruch auf Realität durch Datierung und lokale Gebundenheit über dem des Märchens liegt (1816/18 Herausgabe der «Deutschen Sagen»). Die Legende handelt vom Leben und den Wundertaten von Heiligen bzw. von heiligen Orten. Die Geschichte des Erzählens (Erzählforschung) wurde für Liechtenstein bislang noch nicht erforscht.

Sagen

Sagen werden üblicherweise in zwei Gruppen unterteilt: 1. dämonische oder mythische Sagen (Erzählungen über Geister, Riesen, Zwerge, Teufel etc.) und 2. historische Sagen. In beiden Gruppen reich vertreten sind die ätiologischen Sagen. Darunter versteht man Erzählungen, die Unverständliches oder Deutungsbedürftiges der eigenen Lebenswelt (z.B. Bodendenkmäler, Gelände- bzw. Felsformationen, Bildwerke, Namen oder Bauten) erklären oder deuten.

Die Sammler und Herausgeber von Sagensammlungen in Liechtenstein waren früher durchweg Gebildete (Lehrer, Pfarrer). Sie trugen die romantische Auffassung von Volkspoesie aus dem 19. Jahrhundert weiter und ummantelten die Sagen teilweise auch lehrerhaft und moralisierend, indem sie in die Erzählungen Wertungen und Kommentare einflochten. So wurde beispielsweise die Katholizität und Frömmigkeit der Bewohner beschworen.

Erstmals abgedruckt sind einzelne liechtensteinische Sagen in Peter Kaisers «Geschichte des Fürstentums Liechtenstein» (1847). Das Thema «Sagen» nimmt innerhalb der volkskundlichen Literatur Liechtensteins, was die Anzahl Publikationen betrifft, eine besondere Stellung ein. 1858 erschien die Sagensammlung «Die Sagen Vorarlbergs» von Franz Josef Vonbun, die auch liechtensteinische Sagen enthält und in der Folge mehrere Male erweitert und neu aufgelegt wurde. Um 1860 findet sich in einem Triesenberger Schulheft die Aufzeichnung der Sage vom «Weidmann». 1912 veröffentlichte der Sprachforscher Josef Huber in der Zeitschrift «Schweizer Volkskunde» den ersten theoretischen Beitrag über liechtensteinische Sagen. 1916 publizierte Albert Schädler im Band 16 des Jahrbuchs des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein (JBL) die erste rein liechtensteinische Sagensammlung. Weitere Sammlungen enthielten 1924 das JBL 24 (Eugen Nipp) und 1926 die «Liechtensteiner Nachrichten». 1948 erschien die erste liechtensteinische Monografie, «Sagenumwobene Heimat», von Hans-Friedrich Walser; sie fand eine weite Verbreitung (2. Aufl. 2004 mit dem Titel «Liechtensteiner Sagen aus Berg und Tal»). Die Sammlung «Sagen aus Liechtenstein» von Otto Seger wurde 1966 im JBL 65 (1973 erschien ein Nachtrag im JBL 73) und als Separatum publiziert. Dieser Separatdruck stellt das heute bekannte und gebräuchliche liechtensteinische Sagenbuch dar (2. Aufl. 1980). Seger führt in seiner Sammlung 205 Sagen und im Nachtrag weitere 31 an, und teilt sie in die folgenden Kategorien ein: «Von Drachen und vom Teufel, von Riesen und Zwergen», «Untat und Strafe», «Von Schätzen und Schatzsuchern», «Hexenzeit und Hexenwerk», «Schrättlig und Doggi», «Das Nachtvolk», «Im Reiche der Geister», «Verschiedenes» und «Nachklang der Geschichte». Bis in die heutige Zeit erschienen weitere Arbeiten über einzelne Sagengruppen oder Sagen, so etwa 1970 «Liechtensteiner Sagen» (2. Aufl. 2004) von Dino Larese (1914–1995).

Die Themen der liechtensteinischen Sagen unterscheiden sich nicht von denen des gesamten Alpenraums. Aus der Zeit der Hexenverfolgung im 17. Jahrhundert stammen besonders viele historische Sagen. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass sie bis weit ins 20. Jahrhundert im Volk verwurzelt war. Zudem hat Otto Seger acht Schicksale direkt aus den Inquisitionsakten der Hexenprozesse als Sagen übernommen. Sagen gibt es auch über die Denunzianten der Hexen, die sogenannten Tobelhocker. Das Nachtvolk ist ein Totenzug, der den nächsten Todesfall im Dorf ankündigt; der Zug schreitet durch das Dorf und der oder die letzte in diesem Zug wird demnächst sterben. Der den Alpdruck verursachende Geist heisst in den Talgemeinden «Schrättlig», in Triesenberg «Doggi». Viele Sagen sind im liechtensteinischen Berggebiet beheimatet, dabei findet sich in der Sage von der «Guschger Sennenpuppe» auch das weitverbreitete Motiv der Sennenpuppe. Zum Typus der Untergangssage zählt «Der Untergang von Trisuna», in welcher ein ganzes Dorf als Strafe für gottloses Verhalten verschüttet wird. Ein weiteres verbreitetes Thema ist die Markstein-Verrückung. Bei vielen Sagen, die eine Untat als Hintergrund haben, handelt es sich um Wiedergänger-Sagen. In ihnen muss ein Verstorbener wegen einer Schuld bis zu seiner Erlösung umgehen – meist in der Gestalt, in der er gelebt hat.

In Flurnamen finden sich viele Spuren von Sagen bzw. viele Namen haben den Anlass zur Entstehung einer Sage gegeben. Die heute noch bekanntesten sind: Delisrotsch, Goldlochspitz und Tüfelstein (Triesen); Diebalöcher, Draggalöcher, Garnrechte und Kaltwehkappele (Balzers); Drei Schwestern (Planken); Gitzihöll, Gretahöhi und Schimmelgass (Vaduz); Poliloch (Schaan); Sückacheris und Wildmannschilchli (Triesenberg).

Legenden

Eine eigentliche liechtensteinische Legende ist nicht bekannt. Einzig die Walliser Sage vom glockentragenden Teufel, die sogenannte Theodulssage (→ Theodul), wurde von der Heimatforschung auch auf die Walsergemeinde Triesenberg übertragen.

Literatur

O. Seger: Sagen aus Liechtenstein, 21980; L. Petzoldt: Dämonenfurcht und Gottvertrauen, 1989; G. Isler: Die Sennenpuppe, 21992; Lexikon des Mittelalters 7, 1254–1257; U. Brunold-Bigler: Hungerschlaf und Schlangensuppe, 1997; Tschaikner: Hexen, 1998; Enzyklopädie des Märchens 11, 1017–1041.

Zitierweise

Herbert Hilbe, «Sagen und Legenden», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Sagen_und_Legenden, abgerufen am 22.2.2019.

Medien

Der glockentragende Teufel aus der Theodulslegende. Mosaik von Josef Seger am Rathaus von Triesenberg. Foto: Josef Eberle, Triesenberg.