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Sankt Gallen (Kanton)

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Autor: Hans Jakob Reich | Stand: 31.12.2011

Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit einer Fläche von 2025,5 km2, 483101 Einwohnern/innen (2011) und gleichnamiger Hauptstadt. St. Gallen ist in die acht Regionen (Wahlkreise) St. Gallen, Rorschach, Rheintal, Werdenberg, Sarganserland, See-Gaster, Toggenburg und Wil unterteilt und umfasst 88 politische Gemeinden. Im Osten bildet der Rhein auf 27,1 km die Grenze zu Liechtenstein.

Der Norden und Nordwesten von St. Gallen liegt im schweizerischen Mittelland, das gegen Süden rasch in subalpine und alpine Regionen übergeht, die den grössten Teil der Kantonsfläche ausmachen. Landschaftsmorfologisch prägend sind die Täler der Hauptflüsse Rhein, Seez, Linth und Thur. 48 % der Kantonsfläche werden landwirtschaftlich genutzt, 30 % entfallen auf Wald, 9 % auf Siedlungen, 13 % sind unproduktives Gebiet. 2001 arbeiteten 6,4 % der Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft, 34,1 % im produzierenden Bereich und 59,5 % im Dienstleistungssektor.

Der Name Sankt Gallen geht auf den hl. Gallus zurück, der für das im 8. Jahrhundert gegründete Kloster und die sich darum herum entwickelnde Stadt namengebend war. Mit der Gründung des Kantons 1803 wurde der Name auf das neue Staatsgebilde übertragen.

St. Galler Geschichte

Nach der Unterwerfung des Zentralalpenraums durch Rom 15 v.Chr. kam das Gebiet St. Gallens grösstenteils zur römischen Provinz Raetia. Nach der Diokletianischen Reichsreform (297) und der Teilung der Provinz Raetia bildete St. Gallen den nordwestlichen Teil der bis an den Bodensee bzw. in die Linthebene reichenden Provinz Raetia prima, in der Chur vermutlich im späten 4. Jahrhundert Bischofssitz wurde. Durch die Errichtung des Bistums Konstanz um 600 wurde das Bistum Chur auf die Linie Linthebene–Churfirsten–Säntis–Hirschensprung–Götzis zurückgedrängt. In der Folge durchliefen die Gebiete nördlich und südlich der Bistumsgrenze bis ins Hochmittelalter unterschiedliche Entwicklungen.

Der zuvor nur dünn von Galloromanen besiedelte Nordteil geriet unter fränkischen und alamannischen Einfluss und war ab dem 7. Jahrhundert ins germanische Herrschafts- und Rechtsverständnis eingebunden. Ein politischer Machtfaktor und kulturell bedeutsam war das im 8. Jahrhundert gegründete Kloster St. Gallen. Ausser den ab dem 11. Jahrhundert fassbaren Grafen von Toggenburg gelang es keinem Adelsgeschlecht, neben der aufstrebenden Abtei eine territorialstaatliche Landesherrschaft aufzubauen. Das Land Appenzell wie auch die Stadt St. Gallen vermochten sich im 15. Jahrhundert von der Klosterherrschaft zu lösen.

In dem zu Churrätien gehörenden Südteil hielten sich die spätrömischen Strukturen bis zur Karolingerzeit. Kulturmittelpunkt war die um 735 von den Viktoriden gegründete Abtei Pfäfers. Die Errichtung der fränkischen Grafschaft Rätien um 806, ihre Eingliederung in das Ostfränkische Reich 843 und in das Herzogtum Schwaben 917 bewirkten eine Umorientierung nach Norden. Damit einher ging die Germanisierung der Führungsschicht, des Rechts und schliesslich der Bevölkerung. In Unterrätien entstanden in der Nachfolge der ursprünglichen Grafschaftsinhaber bis Ende des Hochmittelalters mehrere lokale Adelsherrschaften. Als Nutzniesser von deren Niedergang stiegen im 13. und 14. Jahrhundert die Habsburger zur vorherrschenden Macht auf. Daneben gelang es den Grafen von Toggenburg, wichtige Herrschaftsrechte in einem grösseren Gebiet zu vereinigen. Zur Verdrängung der Habsburger aus der Ostschweiz trugen die Appenzellerkriege (1403–08) und die Auseinandersetzungen um das Toggenburger Erbe im Alten Zürichkrieg (1436–50) bei. Der Alpenrhein bildete fortan die Grenze zwischen den Einflussbereichen Habsburg-Österreichs und der eidgenössischen Orte, die durch den Erwerb der früheren Adelsherrschaften linksrheinisch die Vormacht erlangten.

Vor dem Zusammenbruch der alten Eidgenossenschaft 1798 bestanden im Gebiet des Kantons St. Gallen zwölf Territorien mit unterschiedlicher Rechtsform und Zugehörigkeit. Zugewandte Orte (autonome Gemeinwesen innerhalb der Eidgenossenschaft) waren die Fürstabtei St. Gallen, die Städte St. Gallen und (mit minderen Rechten) Rapperswil. Alle übrigen Territorien waren als Untertanengebiete von einem oder mehreren eidgenössischen Orten erworben worden: 1469 Uznach, 1483 Gaster und Weesen, 1483 Sargans (inklusive Fürstabtei Pfäfers mit weltlicher Herrschaft über Pfäfers und Ragaz), 1490 Rheintal (mit z.T. Herrschaftsrechten der Abtei St. Gallen), 1497 Gams, 1517 Werdenberg, 1615 Sax-Forstegg.

Nach dem Zusammenbruch der alten Eidgenossenschaft war das Gebiet St. Gallens 1798–1803 Teil der Helvetischen Republik. Der nördliche Teil St. Gallens bildete zusammen mit den beiden Appenzell den Kanton Säntis, der südliche Teil zusammen mit Glarus den Kanton Linth. Bei der Neuordnung der innerlich zerstrittenen Eidgenossenschaft liess das Machtwort Napoleons 1803 den heutigen Kanton St. Gallen entstehen.

Das heterogene Staatswesen hatte sich zunächst gegen Restaurationsbemühungen des ehemaligen Fürstabts von St. Gallen und Loslösungsbestrebungen der südlichen Kantonsteile zu behaupten; ein Aufstand im Sarganserland 1814 wurde von eidgenössischen Truppen niedergeworfen. Auseinandersetzungen zwischen konservativen und fortschrittlich-liberalen Kräften – nicht zuletzt um konfessionelle Fragen – erschütterten den Kanton bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die einseitig auf die Textilindustrie ausgerichtete St. Galler Wirtschaft von der Stickereikrise besonders hart betroffen. Die daraus folgenden Umstrukturierungen waren prägend für die lange Wachstumsphase nach dem Zweiten Weltkrieg.

Politische Beziehungen

Von der Römerzeit bis ins Hochmittelalter gehörten Liechtenstein und der Süden St. Gallens jeweils denselben Herrschaftsgebilden an. Die frühere Zusammengehörigkeit der beiden Talseiten wirkte noch lange nach, so z.B. in der 1458 bestätigten gemeinsamen Frühlingsatzung im Raum Vaduz/Räfis. 1609 scheiterte der Versuch des Fürstabts von St. Gallen, die Grafschaft Vaduz und die Herrschaft Schellenberg zu erwerben.

Bis ins frühe 19. Jahrhundert kam es zwischen den links- und den rechtsrheinischen Gemeinden immer wieder zu Auseinandersetzungen um Grenzziehungen und Rheinschutzbauten. Besserung brachten zwischenstaatliche Regelungen zwischen dem jungen Kanton St. Gallen und Liechtenstein von 1837 und 1847, welche die alten Regelungen zu den Rheinschutzbauten aufhoben und die Grundlage für das Rheinkorrektionswerk im liechtensteinisch-werdenbergischen Flussabschnitt schufen. 1836 trafen Liechtenstein und der Kanton St. Gallen ein Freizügigkeitsabkommen bezüglich des Vermögenstransfers. Von Distanz zeugt hingegen die 1847 vom Kanton St. Gallen wegen befürchteter Teuerung gegen Vorarlberg und Liechtenstein verfügte Kornsperre, die aber nach wenigen Monaten aufgehoben wurde. Zu Spannungen kam es zwischen Liechtenstein und dem Kanton St. Gallen, als ab 1872 auf der st. gallischen Seite des Rheins die Rheinschutzbauten erhöht wurden, was auf der liechtensteinischen Seite die Hochwassergefahr verstärkte. Entscheidend gefördert wurde die gegenseitige Annäherung durch den 1923 – teils gegen heftige Opposition aus Buchs – abgeschlossenen liechtensteinisch-schweizerischen Zollanschlussvertrag. Durch die Versetzung der schweizerisch-österreichischen Grenzwachtposten an die liechtensteinisch-österreichische Grenze war der Rhein optisch fortan kaum mehr als Landesgrenze wahrnehmbar. Zahlreiche jüngere Vereinbarungen zwischen dem Kanton St. Gallen und Liechtenstein, u.a. zum Bildungs- und Gesundheitswesen, regelmässige Besuchskontakte der beiden Regierungen sowie grenzüberschreitende Zusammenarbeit in verschiedenen Projekten stehen für heute enge freundnachbarschaftliche politische Beziehungen.

Kirchliche und kulturelle Beziehungen

In frühgeschichtlicher Zeit berührten sich im Gebiet St. Gallens und Liechtensteins der keltische und der rätische Kulturraum. Nach der Eroberung durch die Römer wurde die Bevölkerung romanisiert. Die im 5. und 6. Jahrhundert von Norden her einsetzende alamannische Siedlungsbewegung drängte die romanisch sprechenden Bevölkerungsgruppen nach Süden zurück. Südlich des Hirschensprungs hielt sich die romanisch-rätische Kultur noch mehrere Jahrhunderte. Im Raum Liechtenstein/Werdenberg erfolgte der romanisch-deutsche Sprachwechsel talaufwärts ab etwa dem 11. Jahrhundert und war um 1400 abgeschlossen. Spuren der gemeinsamen sprachlichen Entwicklung haben sich in einem beidseits des Rheins reichen romanischen Orts- und Flurnamengut wie auch in den örtlichen Dialekten erhalten.

Kirchlich gehörten die Gemeinden links und rechts des Rheins bis zur Reformation denselben Dekanaten des Bistums Chur an. Die Klöster Pfäfers, Schänis, Sankt Gallen und Sankt Johann im Thurtal besassen in Liechtenstein Güter und Rechte. Umgekehrt gehörten die Dörfer Sennwald (bis 1422), Salez (bis 1512) und Haag (bis 1637) zur Pfarrei Bendern.

Zusammen mit den Kantonen St. Gallen und Graubünden ist Liechtenstein Konkordatspartner des 1968 gegründeten Neu-Technikums Buchs (heutige Interstaatliche Hochschule für Technik Buchs). Kulturelle und gemeinnützige Anliegen werden z.T. in grenzüberschreitenden Vereinigungen gepflegt (z.B. Orchesterverein Liechtenstein-Werdenberg, Botanisch-Zoologische Gesellschaft Liechtenstein-Werdenberg-Sargans). Nicht selten werden in jüngerer Zeit kulturelle und wissenschaftliche Projekte auf st. gallischer Seite von liechtensteinischen Stiftungen unterstützt.

Wirtschaftliche Beziehungen

Urkundlich erstmals fassbar um 842 bestanden für den Verkehr über den Rhein zwischen Balzers und Ruggell Fähren. Diese wurden ab 1868 durch Rheinbrücken ersetzt. Eine vom Kanton St. Gallen in den 1820er Jahren angelegte Strasse durch das linksrheinische Rheintal sowie die 1858 eröffnete Eisenbahnlinie St. Gallen–Chur bereiteten dem alpenquerenden Transitverkehr durch Liechtenstein und den damit verbundenen Einkommensmöglichkeiten für liechtensteinische Fuhrleute ein Ende. Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie Feldkirch–Buchs 1872 erhielt Liechtenstein Anschluss an das schweizerische Eisenbahnnetz.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war St. Gallen das Hauptexportgebiet für liechtensteinische Agrarprodukte. Die spätestens um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Liechtenstein als Heimarbeit betriebene Stickerei war vollständig von Aufträgen aus St. Gallen abhängig. Von der Not der Stickereikrise zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Liechtenstein und seine St. Galler Nachbarschaft gleichermassen betroffen. 1923 schloss sich der «liechtensteinische Bauernverein» dem «Verband landwirtschaftlicher Genossenschaften des Kantons St. Gallen und Umgebung» (heute «Landverband St. Gallen») an. Seit 1943 ist Liechtenstein an der Trägerschaft der jedes Jahr in St. Gallen durchgeführten Landwirtschaftsmesse «Olma» beteiligt.

Der Widerstand gegen von der st. gallischen Regierung in den 1960er Jahren forcierte Projekte für ein ölthermisches Kraftwerk und ein Atomkraftwerk in Rüthi sowie der Bau einer Heizöl-Destillationsanlage in Sennwald trugen 1973 zur Gründung der Liechtensteinische Gesellschaft für Umweltschutz bei. Auseinandersetzungen um den Bau von Flusskraftwerken am liechtensteinisch-schweizerischen Rheinabschnitt in den 1980er und 90er Jahren führten zur Bildung der Internationalen Regierungskommission Alpenrhein, in der Liechtenstein, St. Gallen, Graubünden und Vorarlberg bis 2006 ein Konzept zu Fragen der Hochwassersicherheit, der Gewässerökologie, des Grundwasserschutzes und der Wasserkraftnutzung entwickelten.

In den Industrieunternehmen und im Finanzleistungssektor Liechtensteins fanden 2000 4751 Zupendler aus dem Kanton St. Gallen Arbeit, umgekehrt belief sich die Zahl der Wegpendler auf 1099. Verschiedene liechtensteinische Unternehmen gründeten im Kanton St. Gallen Tochtergesellschaften oder Zweigniederlassungen. Von der liechtensteinischen Bevölkerung stark frequentiert werden die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandenen Einkaufszentren in Haag, Buchs und Mels.

Archive

LI LA.

Literatur

Quaderer: Geschichte, 1969, 228–231; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972, 25–27, 247–251, 327f., 332–334, 366; O. Seger: Fünfzig Jahre Zollvertrag Schweiz-Liechtenstein, in: JBL 73 (1973), 5–58; W. Vogler: Sarganserland und Liechtenstein, in: JBL 83 (1983), 197–207; H. Stricker: Sprachgeschichte des oberen Rheintals, in: Werdenberger Jahrbuch 1992, Jg. 5 (1991), 9–35; P. Geiger: Spinnen, Weben, Sticken, in: Fabriklerleben, 1994, 139–156; Sankt-Galler Geschichte 2003, 9 Bde., 2003.

Zitierweise

Hans Jakob Reich, «Sankt Gallen (Kanton)», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Sankt_Gallen_(Kanton), abgerufen am 23.2.2019.

Medien

Das Gebiet des Kantons St. Gallen vor 1798 (Staatsarchiv St. Gallen).