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Sankt Luzi (Kloster, Priesterseminar)

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Autor: Franz Näscher | Stand: 31.12.2011

Im 8. Jahrhundert entstand in Chur (GR) die karolingische Kirche St. Luzi, damals Andreaskirche, mit der möglicherweise vorkarolingischen Ringkrypta als Grabkammer des hl. Luzius. Um 1140 berief der Churer Bischof Konrad I., Graf von Biberegg, Chorherren des Prämonstratenserordens an die St. Luzikirche. Sie stammten aus dem 20 km südöstlich von Ulm gelegenen Kloster Roggenburg, das Konrad 1126 mit seinen zwei Brüdern gegründet haben soll. Am 22.5.1194 schenkte Ritter Ruodegerus von Limpach dem Kloster die Kirche in Bendern samt ihren Gütern. Weitere Besitzungen des Klosters in Liechtenstein waren die Kapelle St. Maria und ein Hof mit Gütern in Triesen, ein Hof mit zugehörigen Gütern in Eschen sowie Güter in Triesenberg, Schaan, Planken, Schellenberg und Ruggell. Die Überführung der Ernte nach Chur führte bisweilen zu Auseinandersetzungen, z.B. im 17. Jahrhundert wegen des Novalzehnten. 1453 stieg die bisherige Propstei St. Luzi zur Abtei auf. Im Zug der Churer Reformation wurde Abt Theodul Schlegel 1529 hingerichtet und 1538 der Konvent aus Chur nach Bendern vertrieben. 1538/39 erfolgte in Bendern der Bau des Klostergebäudes mit Kapitelsaal (jetzt Pfarrhaus); um 1636 kehrte der Konvent in das inzwischen ruinöse Kloster St. Luzi in Chur zurück. Das Klosterleben wollte nicht mehr so recht aufkommen und war auf personelle und finanzielle Unterstützung durch das Mutterkloster Roggenburg angewiesen; 1688–1717 war St. Luzi ein Priorat von Roggenburg. 1725 machte der Konvent den Vorschlag, das Kloster nach Bendern zu verlegen, was der Nuntius ablehnte. Nach einer kurzen Blütezeit um die Mitte des 18. Jahrhunderts erfolgte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Niedergang der klösterlichen Disziplin. Am 17.1.1806 wurde das Kloster aufgegeben und dem Bistum als Priesterseminar überlassen. Der letzte Abt, Nikolaus Gyr, starb kurz darauf, der letzte Chorherr, P. Gottfried Henniger, 1823.

Aus Liechtenstein stammten etwa sieben Chorherren, darunter die Äbte Christian Ganzmann aus Schaan (1560–73), Michael Paulin vermutlich aus Triesen (1573–76) und Norbert Kaufmann aus Balzers (1744–54). In Bendern betreuten die wegen ihres Ordenskleids auch «Weissmönche» genannten Prämonstratenser während mehr als sechs Jahrhunderten die Seelsorge der ausgedehnten Pfarrei.

Im Spätjahr 1807 wurde im ehemaligen Kloster das Priesterseminar St. Luzi eröffnet, nachdem das seit 1800 in Meran (damals Churer Bistumsgebiet) bestehende Priesterseminar 1807 durch das Königreich Bayern geschlossen worden war. Im 19. Jahrhundert hatte das Seminar jährlich rund 20–30, 1900–50 rund 60–70 Studierende. Zwischen 1886 und 1947 nahmen 74 Priesteramtskandidaten aus Liechtenstein die Ausbildung am Seminar auf. Im 19., 20. und 21. Jahrhundert erfuhren die Gebäude verschiedene Erweiterungen. 1968 ging aus dem Studium theologicum am Seminar die Theologische Hochschule Chur (THC) hervor, die seit 1974 das Lizentiat verleihen kann und seit 2003 das Promotionsrecht hat. Die akademischen Ausweise werden seit 1976 durch den Kanton Graubünden anerkannt. 1975–91 wurde in St. Luzi der dritte Bildungsweg angeboten.

Literatur

150 Jahre Priesterseminar St. Luzi Chur, o.J.; Büchel: Triesen, 1902, 16–30; J.G. Mayer: St. Luzi bei Chur, 21907; Büchel: Bendern, 1923; S.M. Weber, G. Hoppe: St. Luzius in Chur, 1982; HS IV/3, 217–266.

Zitierweise

Franz Näscher, «Sankt Luzi (Kloster, Priesterseminar)», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Sankt_Luzi_(Kloster,_Priesterseminar), abgerufen am 22.2.2019.

Medien

Kirche und ehemaliges Klostergebäude Sankt Luzi in Chur, 2005. © picswiss.ch.