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Schädler, Karl (1804–1872)

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Autor: Rudolf Rheinberger | Stand: 31.12.2011

Politiker. *23.10.1804 Eschen, †30.1.1872 Vaduz, von Eschen. Sohn des Arztes Gebhard und der Maria Katharina, geb. Hasler.  1844 Katharina Walser (*3.1.1819, †19.1.1886), neun Kinder, u.a. Landtagspräsident und Arzt Rudolf, Landtagspräsident und Arzt Albert sowie Landtagsabgeordneter und Ingenieur Karl. 1818–22 Gymnasium in Feldkirch, 1822–24 Philosophicum und 1824–29 Studium der Medizin in Wien, nach fast einjährigem Praktikum bei seinem Vater in Vaduz am 23.1.1830 Promotion zum Dr. med. in Erlangen. 1830–37 führte Schädler eine Praxis in Ems (GR) und war 1833–38 Militärarzt eines Bündner Bataillons. Bei militärischen Kursen in Thun (BE) lernte er Charles Louis Napoleon, den späteren französischen Kaiser Napoleon III., kennen. 1838 kehrte Schädler nach Vaduz zurück, um seinen kranken Vater in dessen Arztpraxis zu entlasten. Nach dessen Tod übernahm er 1842 die Praxis, die er bis 1869 leitete. 1844 wurde er zum Landesphysikus bestellt. Zu seinen Aufgaben gehörten u.a. die Ausbildung der Hebammen, gerichtsärztliche Untersuchungen und die Vornahme der Musterungsuntersuchungen für das liechtensteinische Militär. Seine Tätigkeit schloss die innere Medizin, Geburtshilfe und Chirurgie mit ein. 1848 führte Schädler die erste Chloroformnarkose in Liechtenstein aus, ein Jahr nach deren Einführung durch den Briten James Young Simpson. Schädler bewirtschaftete zudem Weinberge und besass einen landwirtschaftlichen Betrieb.

Schädler war neben Peter Kaiser der bedeutendste liechtensteinische Politiker im 19. Jahrhundert. Im Vormärz politisch noch nicht hervorgetreten und durch seinen siebenjährigen Aufenthalt in der Schweiz politisch geprägt, schloss er sich als Anhänger liberaler Ideale und Gegner des absolutistischen Systems am Beginn der Revolution 1848 dem Kreis um Peter Kaiser an. Am 22.3.1848 bestimmten die Volksausschüsse einen dreiköpfigen Landesausschuss als Leitung für die liechtensteinische Revolutionsbewegung. Ihm gehörten Peter Kaiser, Schädler und Ludwig Grass an. Ihnen gelang es, die Ordnung in Liechtenstein aufrechtzuerhalten. Am 25.4.1848 wurden in einer Volkswahl Peter Kaiser als Vertreter Liechtensteins in die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt und Schädler als dessen Stellvertreter gewählt. Schädler war Präsident des am 27.7.1848 gewählten Verfassungsrats, der auf der Grundlage des Verfassungsentwurfs von Peter Kaiser einen Entwurf für eine konstitutionelle Verfassung ausarbeitete. Die Hauptarbeit wurde vom nicht juristisch ausgebildeten Schädler sowie von dem als Vertreter des Fürsten an den Beratungen des Verfassungsrats teilnehmenden Landesverweser Michael Menzinger geleistet. Nach dem Rückzug Peter Kaisers aus der liechtensteinischen Politik im November 1848 war Schädler der eigentliche Führer der Revolutionsbewegung in Liechtenstein. Am 27.12.1848 wurde er als Nachfolger Kaisers zum Abgeordneten in der deutschen Nationalversammlung gewählt, wo er von Januar bis April 1849 tätig war. Schädler wirkte an der Schaffung der Reichsverfassung in der Nationalversammlung mit. Die liechtensteinische Position unterstützte er, indem er für die grossdeutsche-österreichische Sache eintrat, weil die Schaffung eines deutschen Staats ohne Österreich Liechtenstein weiter isoliert und damit seine Selbständigkeit gefährdet hätte. Schädler war in der Frage der weiteren staatlichen Existenz Liechtensteins pessimistisch. In Erwartung der steigenden Reichskosten glaubte er, man müsse sich überlegen, ob es nicht besser wäre, sich Österreich anzuschliessen. Ging es um die Stärkung der Volksrechte, so stimmte er im Parlament mit der Linken. Er war Mitglied des Clubs «Pariser Hof» und des «Linken Zentrums». Als die Nationalversammlung am 28.3.1849 König Friedrich Wilhelm IV. von Preussen zum Kaiser der Deutschen wählte, enthielt sich Schädler, wie die meisten Grossdeutschen, aus Prostest der Stimme. In der Nationalversammlung unternahm er mehrere persönliche Vorstösse, wenn auch ohne direkten Erfolg. So versuchte er bei der Besprechung des Gesetzes über die Wahl des deutschen Parlaments (Volkshaus) zu erreichen, dass Liechtenstein einen eigenen Wahlkreis erhalte und nicht mit einem österreichischen zusammengeschlossen werde. In persönlichen Verhandlungen mit den Ministern der Reichsgewalt setzte er sich für den Abbau der finanziellen und militärischen Verpflichtungen Liechtensteins ein und erreichte, dass die Mehrforderung von 60 Mann Infanterie vom Reichsministerium fallengelassen wurde.

Nach der teilweisen und provisorischen Inkraftsetzung des vom Verfassungsrat erarbeiteten Verfassungsentwurfs am 7.3.1849 wurde Schädler am 20.5.1849 in den Landrat gewählt. Die Wahl war von ihm geleitet und erfolgte nach einer von ihm entworfenen provisorischen Wahlordnung. Schädler war Landratspräsident und gehörte dem geschäftsvorbereitenden Fünferausschuss sowie dem Landratsausschuss an. Ein grosses Anliegen war Schädler die gesetzliche Verankerung der Gemeindeautonomie; die von ihm erarbeitete neue Gemeindeordnung wurde vom Fürsten aber nicht sanktioniert. Schädler hatte bereits in Frankfurt beim österreichischen Gesandten die Frage einer Öffnung der Zollgrenzen zwischen Liechtenstein und Österreich angeschnitten und bat 1850 Fürst Alois II., in diese Richtung etwas zu unternehmen (→ Zollwesen); 1852 wurde ein Zollvertrag mit Österreich geschlossen. Nach dem Scheitern der Revolution in Deutschland setzte Fürst Alois II. mit dem Reaktionserlass vom 20.7.1852 die provisorische Verfassung wieder ausser Kraft. Der vom Volk gewählte Landrat wurde nicht mehr einberufen. Obwohl er nun kein politisches Amt mehr innehatte, blieb Schädler der Führer der demokratischen Kräfte in Liechtenstein. Nach Wiederaufnahme der Verfassungsfrage unter Fürst Johann II. war Schädler 1861–62 Mitglied des Subkomitees des landständischen Verfassungsausschusses. Dieses arbeitete einen Verfassungsentwurf aus, an dem Schädler wie schon 1848 die Hauptarbeit leistete. Der von einem unbekannten deutschen Rechtsexperten umgearbeitete Entwurf bildete die Grundlage für die konstitutionelle Verfassung von 1862, in welcher das Volk aber weniger Macht als in der provisorischen Verfassung von 1849 erhielt.

1862–71 war Schädler Landtagspräsident, Vorsitzender der Finanzkommission und des Landesausschusses. Bei der Eröffnung des Landtags am 29.12.1862 erklärte Schädler den wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung sowie die Wandlung der Untertanen zu ihrer Freiheit und ihrer politischen Rechte bewussten Bürgern zum Ziel. Unter seiner Führung erledigte der Landtag zusammen mit Landesverweser von Hausen ein grosses gesetzgeberisches Pensum. Dazu gehörten u.a. die Erneuerung des Zollvertrags mit Österreich (1863), die Ablösung der Zehnten (1864), ein Gemeindegesetz (1864), das Sparkassagesetz (1864), die Schulgesetzgebung (1864, 1869), die erste Gewerbeordnung (1865), eine Steuerreform (1865), eine Waldordnung (1865), ein Gesetz zur Verbesserung der Viehzucht (1865), ein Feuerpolizeigesetz (1865), ein Wuhrgesetz (1865) und ein Armengesetz (1869). Schädler setzte sich erfolglos für die Erbauung eines zentralen Landeskrankenhauses ein. Am 30.5.1871 erklärte er krankheitsbedingt seinen Rücktritt. Schädler war 1863 Mitgründer der ersten liechtensteinischen Zeitung, der «Liechtensteinischen Landeszeitung», und 1863–68 deren Redaktor. Er sammelte Urkunden, die im Zusammenhang mit Liechtenstein standen.

Seit dem Abtreten Peter Kaisers 1848 war Schädler der führende Politiker Liechtensteins und Anführer der fortschrittlich liberalen Kräfte im Ringen um mehr Volksrechte gegen die konservativ-absolutistische Staatsgewalt. Mit seiner Arbeit im Verfassungsrat 1848, als Präsident des Landrats ab 1849 und als Mitglied des «Subkomitees» des Verfassungsausschusses 1861–62 trug er wesentlich zur Ablösung des Absolutismus in Liechtenstein und zur Schaffung der Verfassung von 1862 bei. Der rhetorisch begabte und tatkräftige Schädler zeichnete sich durch Zähigkeit und taktisches Geschick in Verhandlungen aus. Er galt als geradliniger Mensch und war ein tüchtiger und bei seinen Patienten beliebter Arzt. Seit 1998 vergibt das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin das von privaten liechtensteinischen Stiftungen sowie der liechtensteinischen Regierung in Zusammenarbeit mit dem Schulamt finanzierte Karl-Schädler-Stipendium für Postdoktoranden.

Literatur

A. Schädler: Die Thätigkeit des Liechtensteinischen Landtages im 19. Jahrhundert, in: JBL 1 (1901), 81–176; Geiger: Geschichte, 1970; R. Rheinberger: Liechtensteiner Ärzte des 19. Jahrhunderts, in: JBL 89 (1991), 19–112, besonders 45–78; F. Besl: Gerichtsärztliches Kontrollbuch vom Landesphysikat, in: Bausteine 2, 1999, 307–330.

Zitierweise

Rudolf Rheinberger, «Schädler, Karl (1804–1872)», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Schädler,_Karl_(1804–1872), abgerufen am 19.4.2019.