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Scharfrichter

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Autor: Wolfgang Scheffknecht | Stand: 31.12.2011

Das Amt des Scharfrichters oder Nachrichters ist das Produkt der spätmittelalterlichen Professionalisierung im Strafvollzug. Seit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert setzte sich der Scharfrichter auch im Bodenseeraum als Vollstrecker von Todesstrafen, Körperstrafen und Folter durch. Die Scharfrichter durchliefen eine mehrjährige, am zünftigen Handwerk orientierte Ausbildung, die durch ein Meisterstück in Form einer fachmännisch durchgeführten Enthauptung abgeschlossen wurde (z.B. 1666 in Vaduz durch Hans Jakob Näher aus Lindau).

Anfänglich war der österreichische Scharfrichter von Bregenz auch für die Grafschaft Vaduz zuständig. 1571 wurde Wolf Schweigenheimer aus Straubing als Scharfrichter der Herrschaften Feldkirch, Bregenz, Hohenegg, Bludenz, Sonnenberg, Vaduz und der acht österreichischen Gerichte im Prättigau bestellt. Noch im 17. Jahrhundert kamen in Vaduz und Schellenberg auswärtige Scharfrichtermeister von Bregenz, Sargans und Hohenems zum Einsatz. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts verfügte Liechtenstein mit Johann Georg Reichle, Sohn des hohenemsischen Meisters, de facto über einen eigenen Scharfrichter. Reichle war nicht formell zum Scharfrichter bestellt, sondern hatte lediglich das Niederlassungsrecht in Vaduz und erhielt ein Wartgeld von 12 Gulden (ab 1712 noch 8 Gulden) sowie für jede Strafvollstreckung einen zusätzlichen Lohn. Unter ähnlichen Bedingungen hatte bereits sein Vater in Vaduz amtiert, der jedoch in der Herrschaft Feldkirch wohnhaft gewesen war. Nach jahrelangem Bemühen erhielt Reichle 1729 vom Fürsten einen Bestallungsbrief. Er darf damit als erster Scharfrichter des Fürstentums Liechtenstein gelten. Sein jährliches Wartgeld betrug nun 52 Gulden. Späteren fürstlichen Scharfrichtern standen zudem der freie Bezug von Brennholz, ein Stück Ackerland sowie der Weideplatz für ein Pferd zu. Zur Tätigkeit der liechtensteinischen Scharfrichter zählte im 18. Jahrhundert auch die Beseitigung von verendeten Tieren (Wasenmeisteramt) und die Aufsicht über die herrschaftlichen Jagdhunde, ausserdem praktizierten sie teils als Tierärzte. Der Bregenzer Meister Christoph Hirt war Mitte des 17. Jahrhunderts während seiner Anwesenheit in Vaduz gar als Arzt konsultiert worden.

Die Scharfrichter wurden den «unehrlichen» Leuten zugerechnet und nahmen eine Stellung am Rand der Gesellschaft ein. So befand sich das obrigkeitliche Nachrichterhaus in Vaduz ausserhalb des Dorfs. Bei den Familien Reichle und Burkhard zeigt sich die für die frühe Neuzeit typische Weitergabe des Amts in einer Familie sowie die enge verwandtschaftliche Verbindung zu anderen Scharfrichterfamilien. Die letzte Hinrichtung in Liechtenstein fand 1785 statt. Das Scharfrichteramt soll 1846 aufgelöst worden sein, nominell bestand es jedoch bis zum Tod des letzten, nur mehr als Wasenmeister tätigen Nachrichters Friedrich Burkhard 1872 fort.

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Literatur

Tschugmell: Beamte, 1947, 71, 104–107; W. Scheffknecht: Scharfrichter, 1995; Tschaikner: Hexen, 1998; W. Scheffknecht: Scharfrichter, in: Randgruppen in der spätmittelalterlichen Gesellschaft, Hg. B.-U. Hergemöller, 32001, 122–172; Schamberger-Rogl: Landts Brauch, 2002, 52–54; Vaduz Hofstätte Nr. 130, ehemaliges obrigkeitliches Nachrichterhaus, Bearb. P. Albertin, Ms. 2001.

Zitierweise

Wolfgang Scheffknecht, «Scharfrichter», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Scharfrichter, abgerufen am 23.4.2019.