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Siedlung

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Autor: Hubert Ospelt | Stand: 31.12.2011

Als Siedlung wird jede Niederlassung einer menschlichen Gemeinschaft bezeichnet. Sie besteht zumeist aus einem Ensemble von Wohn-, Aufenthalts- und Werkplätzen sowie Infrastrukturen wie Strassen und Wegen, Einrichtungen der Wasserversorgung usw.

Siedlungen entstehen, wo sich Siedler wirtschaftlichen Erfolg erhoffen. Zur Siedlung eignen sich primär Orte mit (Trink-)Wasser und ackerfähigen Böden. Diese Bedingungen erfüllten im Alpenrheintal einerseits die Braunerdevorkommen auf den Schuttkegeln der Seitenbäche des Rheintals (wie in Vaduz oder Schaan) oder von Bergstürzen (z.B. in Triesen) sowie auf Randterrassen von Inselbergen wie dem Eschnerberg (Eschen und Mauren), andererseits das – allerdings erst in der Neuzeit besiedelte – fruchtbare Schwemmland in der Rheinebene wie bei Ruggell und Mäls. Diese Siedlungsfaktoren bestimmten die Lage und die Bauweise der Dörfer: eher eng am Bergfuss, wo oft wenig Ackerland und wenige Brunnen zur Verfügung standen, weit gestreut in der Ebene, wo Grundwasser bei jedem Haus erreichbar war. Beiden Siedlungszonen eigneten spezifische Überschwemmungsgefahren: durch Bäche und Rüfen am Talhang, durch den Rhein in der Ebene. Mangelte Wasser (wie am Eschnerberg) oder lagen die ertragreichen Böden in kleinflächigem Mosaik (z.B. in Triesenberg), so entstanden Weiler- oder Einzelhoflandschaften.

Neben die primären Siedlungsfaktoren traten weitere: Ausser dem Ackerbau beeinflussten auch Weinbau, Handwerk, Verkehr, Handel, grundherrliche Interessen, Verwaltung usw. die Siedlungsentstehung und -entwicklung. Sicherheitsaspekte standen bei Höhensiedlungen und Burgen im Vordergrund. Religiöse Bedürfnisse führten zur Anlage von Kultplätzen und prägten z.B. ab dem Frühmittelalter die Siedlungsentwicklung von Bendern. Unbesiedelt blieben Riede, Moore und Rheinauen. Im alpinen Berggebiet erfolgte bis ins 20. Jahrhundert nur eine temporäre alpwirtschaftliche Besiedlung.

Ur- und Frühgeschichte, Römerzeit

Mit Ausnahme von Schellenberg und Triesenberg trägt kein liechtensteinisches Dorf einen deutschen Namen. Die Besiedlung erfolgte also in vorrömischer, römischer oder rätoromanischer Zeit.

Erste Siedlungsspuren im liechtensteinischen Gebiet stammen aus der mittleren Jungsteinzeit (ca. 4700–4000 v.Chr.). Seither war die Region ununterbrochen besiedelt. Eine jungsteinzeitliche Siedlung bestand wahrscheinlich aus durchschnittlich 10–30 Häusern. Bekannt sind v.a. Höhensiedlungen auf Kuppen (z.B. Borscht), in geschützten Senken (→Lutzengüetle) oder auf inselartigen Felsköpfen (→Gutenberg).

In der Bronzezeit (2200–800 v.Chr.) ist der Eschnerberg mit den Siedlungen auf dem Malanser und dem Schneller, dem Lutzengüetle und dem Borscht als Siedlungskammer anzusehen. Eine grössere bronzezeitliche Siedlung wurde jüngst auf einer leicht über der Rheinebene liegenden Hangterrasse in Triesen entdeckt (Meierhof-Galga). In der Eisenzeit (800–15 v.Chr.) wechselten sich in der Siedlungskammer Eschnerberg die Siedlungen ab (Borscht, Lutzengüetle, Malanser, Schneller). Weitere Hinweise auf eisenzeitliche Siedlungsplätze finden sich auf den Hügelkuppen und Terrassen des Rätikonmassivs (z.B. auf der Hangterrasse in Triesen).

Auf den Terrassen des Rätikon-Bergfusses und des Eschnerbergs entstanden ab Ende 1. Jahrhundert n.Chr. in Schaanwald, Mauren, Nendeln und Triesen nahe der Römerstrasse gelegene römischen Villen (Einzelgehöfte). In Balzers, am Fuss des Passübergangs über die Sankt Luzisteig, deuten Befunde von römischen Gebäuden im ganzen Ortsgebiet auf eine grössere Ansiedlung hin. Für deren Identifizierung mit der Strassenstation Magia fehlen jedoch eindeutige archäologische Beweise. Militärischen und Sicherheitszwecken dienten im 3./4. Jahrhundert Höhensiedlungen wie auf dem Krüppel oberhalb von Schaan sowie besonders das römische Kastell in Schaan.

Mittelalter und frühe Neuzeit

Verschiedene Indizien sprechen für eine romanische Siedlungskontinuität nach dem Zerfall des weströmischen Reichs Ende des 5. Jahrhunderts: Die rätoromanische Sprache hielt sich bis ins 13. Jahrhundert. Auf den Mauern des römischen Kastells in Schaan entstand mit der Taufkirche St. Peter noch im 5./6. Jahrhundert ein frühchristliches Zentrum. Weitere kirchliche Bauten des Frühmittelalters in Eschen, Bendern und Mauren lassen sich in das 7.–9. Jahrhundert datieren. Für die Benderer Kirche wurde Mauerwerk einer frühmittelalterlichen Hofanlage des 5.–7. Jahrhunderts weiterverwendet. Im churrätischen Reichsgutsurbar von 842/43 sind u.a. Balzers (Königshof mit zwei Kirchen und zwei Mühlen), Schaan (Königshof mit Kirche, Mühle, Rheinfähre, Taverne) und Eschen (Kirche und Landbesitz des Klosters Pfäfers) erwähnt. Mit der Einwanderung der Alamannen ab dem 7. Jahrhundert kam es zu einer Koexistenz der rätoromanischen Bevölkerung und der alamannischen Neuankömmlinge. Die zu den alamannischen Gräberfeldern von Schaan und Eschen gehörenden Siedlungen sind noch nicht entdeckt. Die Bevölkerung lebte in weilerartig angelegten Höfen.

Im Hoch- und Spätmittelalter dürften Umstellungen im Bereich der Grundherrschaft und die Ausbildung bäuerlicher Genossenschaften die Verdichtung der Siedlungen zu Dörfern als räumlich geschlosseneren, wirtschaftlich-sozialen Einheiten gefördert haben («Verdorfung»). Bevölkerungswachstum und Landesausbau führten zur Ausdehnung des Siedlungsraums, in Liechtenstein besonders zur Besiedlung von Triesenberg und Planken durch die um 1300 eingewanderten Walser. Hingegen kam es im Gegensatz zur näheren Region (Sargans, Werdenberg, Feldkirch, Bludenz) zu keiner Stadtgründung.

Der fast rein agrarischen Wirtschaftsweise entsprechend, prägte vom ausgehenden Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert eine durch die landwirtschaftliche Nutzung bestimmte bauliche Kontinuität die Ortsbilder (→Bauernhaus). Die Siedlungen lagen im Oberland und in Nendeln meist als lockere Haufen- oder Strassendörfer (auch Mischformen) am hochwassersicheren Talrand, im Unterland streuten sich die Weiler über den Eschnerberg. Als Ausnahmen erweiterten sich Mäls, Ruggell und der Gampriner Weiler Au – gemäss neueren Erkenntnissen erst im 17. Jahrhundert – in die rheinnahe, fruchtbare Schwemmebene vor dem Bergfuss. Als oberste der über 40 Rheindörfer beidseits des Flusses bis zum Bodensee wiesen sie deren charakteristische offene Siedlungsweise auf, die im Alpenraum einzigartig war. Die Häuserzeilen in Ruggell liegen auf leicht erhöhten, gefestigten Mäanderprallhängen des Rheins und erscheinen deshalb bogenförmig. Weitere Sonderfälle bildeten das Streusiedlungsgebiet von Triesenberg, das Strassendorf Planken und das Maiensäss →Steg im Saminatal mit seinen durch die Abgrenzung kollektiver und individueller Nutzungsbereiche bestimmten Siedlungsringen.

Rechtliche Bestimmungen zur inneren Siedlungsgestaltung sind im 18. Jahrhundert mit der Triesner Gemeindeordnung (Bauordnung) von 1741 greifbar. Sie regelte u.a. das →Hofstattrecht (in dem sich der enge Zusammenhang von Siedlungen und genossenschaftlichen Nutzungsrechten spiegelt), die Rücksichtnahme auf die Nachbarbauten, feuerpolizeiliche Anliegen und die Freihaltung der beiden Dorfplätze.

Der ursprüngliche Siedlungszusammenhang zwischen dem rechts- und dem linksrheinischen Gebiet zeigt sich etwa an der ehemaligen Zugehörigkeit der Werdenberger Dörfer Sennwald, Salez und Haag zur Pfarrei Bendern oder an den bis ins 19. Jahrhundert zu Triesen gehörenden Heuwiesen in der Gemeinde Wartau (SG).

19. Jahrhundert

Das im 19. Jahrhundert mässige Wachstum der Bevölkerung (1815: 6117 Einwohner, 1852: 8162, 1891: 7864) und der Häuserzahl (1812: 1216 Wohngebäude, 1852: 1407, 1871: 1486) bewirkte nur eine geringe Vergrösserung und Veränderung der Dörfer. Zudem bestand bis um 1840 ein Hausbauverbot. Dennoch kam es zu einigen auch wirtschaftlich und kulturell bedingten baulichen Entwicklungen.

In den 1830er Jahren entstanden erste architektonisch gestaltete Wohnhäuser in Massivbauweise, oft für zwei Familien. Ab den 1850er und 60er Jahren setzte ein Modernisierungsschub ein, als der Zollvertrag mit Österreich (1852) die Industrialisierung begünstigte und die konstitutionelle Verfassung von 1862 politische und bürgerliche Freiheiten brachte. So kam es 1861 zur Gründung der ersten Bank und der ersten Fabrik. Mit den Fabrikbauten und den zugehörigen Arbeiterwohnhäusern, Fabrikantenvillen usw. entstanden in den Gemeinden Triesen und Vaduz neue Siedlungsstrukturen, in Triesen innerhalb des alten Dorfs, in Vaduz in den abgelegenen «Arbeiterquartieren» Mühleholz und Ebenholz.

Die Mitte 19. Jahrhundert begonnene Korrektion des Rheins, das gewaltigste Bauwerk der Neuzeit in Liechtenstein, sowie die Entwässerung der Talebene und die weitgehende Beseitigung der Auwälder im 19./20. Jahrhundert veränderten den Lebens- und Kulturraum wesentlich. Diese Massnahmen bildeten eine Grundlage für die Modernisierung des Verkehrswesens, etwa den Bau von Eisenbahn und Brücken im späten 19. Jahrhundert, und für die im 20. Jahrhundert erfolgte Ausdehnung der Wohn- und Gewerbequartiere in die ehemals unbebaubaren Bereiche der Talebene.

Dorfbrände zerstörten immer wieder Teile der Siedlungen (→Feuerschutzwesen), aber erst ab dem späteren 19. Jahrhundert wandte man sich beim Wiederaufbau neuartigen Bau- und Siedlungsformen zu; im Schaaner Dorfteil Specki z.B. entstanden nach dem Brand von 1874 freistehende Steinbauten. Zur Verminderung der Brandgefahr erhielt das ursprünglich verdichtete Dorf Schaan im 19. Jahrhundert durch Neuregulierungspläne eine offene, rechtwinklige Bebauungsstruktur. In Schaanwald entwickelte sich in der zweiten Jahrhunderthälfte eine kleine Häusergruppe zu einem neuen Weiler.

Wichtige Zeugen des Aufbruchs im späten 19. Jahrhundert sind die in historisierender Bauweise errichteten Kirchen und öffentliche Bauten wie das Regierungsgebäude in Vaduz.

20. Jahrhundert

Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts blieb Liechtenstein stark agrarstaatlich ausgerichtet. Der Erste Weltkrieg unterbrach den industriellen Aufschwung, der erst im Zweiten Weltkrieg wieder einsetzte. Dennoch wuchs die Bevölkerung auf 8841 Einwohner 1921 und 11 094 Einwohner 1941, was – nach einer Baupause während des Ersten Weltkriegs – die Zahl der Wohngebäude bis 1941 auf 2087 steigen liess. Zu dem während der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre erstaunlich hohen Bauvolumen trugen auch der kirchliche, gewerbliche und öffentliche Bedarf bei. In Vaduz entstanden u.a. das Rathaus, die Post, der Engländerbau und das «Waldhotel», in Schaan das Kloster St. Elisabeth. Ein vermögende Zuzügler ansprechendes neues Steuer- und Gesellschaftsrecht ermöglichte in den 1920er und 30er Jahren in Schaan und Vaduz das Entstehen von Villenvierteln auf zuvor unbebautem landwirtschaftlichem Gelände. Damit hielt ein für Liechtenstein neuartiges, bürgerliches Siedlungselement Einzug. Der Staat förderte das Baugewerbe bewusst als Mittel gegen die verbreitete Arbeitslosigkeit. Dank Einnahmen aus dem Gesellschaftswesen, Briefmarkenerlösen, Finanzeinbürgerungen und Zollpauschalen konnten Staat und Gemeinden wichtige Infrastrukturbauten als Notstandsmassnahmen errichten, etwa Strassen und zentrale Wasserversorgungen. Der Bau des liechtensteinischen Binnenkanals (1931–43) entwässerte die Talebene definitiv und Rüfeverbauungen erhöhten die Sicherheit der sich ausdehnenden Siedlungen.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte der zunächst auf die Industrie und dann immer stärker auf die Finanzdienstleistungen gestützte wirtschaftliche Aufschwung zu einer Verdreifachung der Bevölkerung (1970: 21 350 Einwohner, 2006: 35 168) und einer Verfünffachung der Beschäftigten (1950: 6338 Beschäftigte, 1970: 11 569, 2006: 31 074); fast 50 % der Beschäftigten entfielen 2006 auf Zupendler aus dem Ausland (15 138). Diese mit steigendem Wohlstand und zunehmender individueller Mobilität verbundene Entwicklung führte zu einer Vervierfachung der Siedlungsfläche und einer Verzehnfachung des Verkehrs. Allein die Zahl der Wohngebäude (→Wohnungsbau) stieg bis 1970 auf 4286 und bis 2000 auf 8341. Ausgedehnte Einfamilienhausquartiere mit pluralistischen Architekturformen (vom rustikalen Landhaus im alpenländischen Stil bis zum kubischen Beton- oder Holzwürfel) und in die Höhe strebende Wohnblocks brachten neue Siedlungsformen und -bilder. Zusammen mit einer immer grösseren Zahl privater Gewerbebauten und öffentlicher Gebäude überzogen sie das Land und veränderten die Landschaft. 1581 ha oder 10 % der Gesamtfläche des Landes entfielen 2002 auf Siedlungen, davon 3,3 % auf Wohnareal, 2,4 % auf Strassenareal und 1,1 % auf Industrie- und Gewerbeareal.

In der Rheintalebene, in der auch bislang unbesiedelte ehemalige Rheinauen und trockengelegte Riedflächen durch Gewerbe- und Freizeitanlagen überbaut wurden, zeichnet sich hinsichtlich Siedlung, Verkehr und Wirtschaft ein zunehmender Verstädterungsprozess ab. Die Dörfer Triesen, Vaduz und Schaan verbinden sich zu einer lang gestreckten Agglomeration. Am Eschnerberg wachsen die alten Weiler zusammen. Dem Verstädterungstrend folgt ein Wandel der dörflich geprägten Mentalität, was sich etwa in neuen Kulturbauten niederschlägt (→Museen, →Theater, →Musik). Im Berggebiet entwickelte sich Malbun zum ganzjährig bewohnten Touristenort.

Zu Beginn der Ortsplanungen in den 1950er Jahren wurde vorrangig der Besitzstandwahrung Rechnung getragen, indem bestehende Baurechte bewahrt und in der Folge exorbitante Flächen in die Bauzonen aufgenommen wurden. Die einzonierten Flächen entsprachen etwa dem Vierfachen der benötigten Fläche für die damalige Bevölkerungszahl. Die fortschreitende Zersiedlung wurde durch die Bereitstellung öffentlicher Mittel für Wohnbauförderung, Baulandumlegung und den weiteren Ausbau der Infrastruktur (→Abwasser, →Telekommunikation) noch verstärkt. Die Trennung in Wohn- und Arbeitszonen trug zum Ressourcenverbrauch bei, besonders im Bereich der Verkehrsinfrastruktur.

Erste Ansätze einer Landesplanung in den 1960er Jahren mit dem Ziel einer Steuerung der Entwicklung scheiterten (→Raumplanung). Die gegen das Jahrhundertende postulierte Verdichtung nach innen, d.h. eine Reaktivierung der ursprünglichen Ortszentren und Kerngebiete, konnte der ausufernden Entwicklung an den Rändern vorerst ebenso wenig Einhalt gebieten wie aktuelle, ökologisch motivierte Planungsbemühungen.

Literatur

Büchel: Triesen, 1902, 238f.; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972, 43–45; Broggi: Landschaftswandel, 1986; F. Frick: Siedlungsstrukturen, in: Unsere Kunstdenkmäler 43 (1992), 249–262; Geiger: Krisenzeit 1, 22000, 151–153; Bauen, 2000; P. Albertin: Ruggeller Bau- und Siedlungsgeschichte, in: Nordwind 116 (2005)–; Alpenrheintal – eine Region im Umbau, Hg. M.F. Broggi, 2006; Herrmann: Kunstdenkmäler 2, 2007.

Zitierweise

Hubert Ospelt, «Siedlung», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Siedlung, abgerufen am 19.2.2019.