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Sulz, von

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Autor: Heinz Noflatscher | Stand: 31.12.2011

Grafengeschlecht. Die Grafen von Sulz waren 1510–1613 im Besitz der Grafschaft Vaduz und der Herrschaft Schellenberg.

Die Sulzer übten im Hochmittelalter Grafschaftsrechte am oberen Neckar und im mittleren Ostschwarzwald aus. Mit «Alewich comes de Siulzo» erscheint das edelfreie Geschlecht 1092 im politischen Umfeld der Zähringer. Mit den Hausen und Zollern stifteten die Sulzer im Investiturstreit 1095 das Reformkloster Alpirsbach. Noch im 12. Jahrhundert mehr zähringisch, wurden sie im 13. Jahrhundert zu Parteigängern der Staufer. In der Mitte des 13. Jahrhunderts verloren sie wohl auf dem Erbweg grossenteils ihr Herrschaftsgebiet am oberen Neckar (Stammburg Albeck bei Sulz) an die von Geroldseck. Durch die Heirat Alwigs V. mit der Schwester König Rudolfs von Habsburg, Kunigunde (†1250), verschwägerten sie sich mit einer künftigen Königsdynastie. Zeitweilig besassen sie die Landgrafschaft Baar (1283 an die Fürstenberg). Hermann III. war 1298–1305 in Vertretung König Albrechts I. Reichshofrichter. Der erneute Aufstieg der Sulz vollzog sich über das königliche Hofgericht in Rottweil (erstmals Berthold III. 1317 als Hofrichter), das sie 1360–1687 ununterbrochen als Reichslehen innehatten. Nach einer Distanzierung im 14. Jahrhundert standen sie ab 1386 wieder in österreichischen Diensten. Hermann VI. heiratete 1391 die Erbtochter Margarete von Hohenberg; 1406 wurde er österreichischer Landvogt zunächst nur im Breisgau, 1407 Landvogt der Vorlande diesseits des Arlbergs (ohne Elsass).

Durch die Heirat Rudolfs III. 1408 mit Ursula von Habsburg-Laufenburg erwarben die Sulzer den Klettgau (Reichsgrafschaft zwischen Schaffhausen und Waldshut) – fortan das territoriale Zentrum –, 1411 Hohenstein und Neckarburg (bis 1580). Für die schwäbischen Landgerichte erhielten sie 1431 ein Evokationsprivileg. Im Dienst der Habsburger erweiterten sie den Besitz zunächst im Schwarzwald (Kastelberg und Waldkirch) und in Hohenberg. Links des Oberrheins besassen sie 1469–1581 Rotberg/Rougemont und 1500–48/51 Altkirch. Zum Schutz v.a. vor ländlichen Aufständen diente seit 1478 das Burgrecht mit Zürich (1488 zum Erbburgrecht erweitert). Im Dienst Kaiser Friedrichs III. folgten die Belehnungen mit den Reichslehen der erloschenen von Krenkingen (1470) und der von Lichtenberg (1473). Vom Hochstift Konstanz erwarben die Sulzer nördlich des Hochrheins 1482 pfandweise die Stadt Tiengen, ihre künftige Residenz, 1488 Jestetten und Güter im Wutental. Im Tausch mit Bohlingen im Hegau (im Besitz seit 1469) erhielten sie 1497 von Konstanz die bei Tiengen gelegene Küssaburg, die sie zur Landesfestung ausbauten. Diese Burg und Tiengen wurden von den Eidgenossen 1499 erobert.

Die Ehe Alwigs VIII. mit Verena von Brandis machte es möglich, dass ihr gemeinsamer Sohn Rudolf V. 1510 die Herrschaften Vaduz, Schellenberg und Blumenegg erwerben konnte. Am oberen Neckar kam es dagegen zu weiterem Verkauf des Besitzes (1527–36 Epfendorf an Rottweil). Als habsburgischer Statthalter Tirols und der Vorlande war Rudolf V. an der Niederwerfung des oberdeutschen Bauernaufstands entscheidend beteiligt. Die Tiengener schlossen sich gegen ihren Stadtrat den Aufständischen an, etwa 200 Untertanen fielen 1525 gegen die vorländische Truppen bei Griessen. Auch in Vaduz und Schellenberg kam es 1525 zu Aufruhr (→Bauernkrieg). Rudolf V. verhinderte hier, dass die Reformation Fuss fassen konnte. 1531 erliess er für Vaduz eine Erbordnung, die 1577 und um 1600 revidiert wurde.

Graf Froben Christoph von Zimmern, ein schwäbischer Standesgenosse, bedauerte um 1566 «pracht und überflüssiges wesen» der Sulz. Der Beginn der Verschuldung des Hauses Sulz fällt wohl in die Zeit Johann Ludwigs I.; sie wurde während der langen Gemeinschafts- (1544–60) bzw. Vormundschaftsregierungen (1572–83) vermutlich noch beschleunigt. Wilhelm V. und Alwig IX. schlossen am 18.6.1561 die erste Erbeinung (Unteilbarkeit, männliche Primogenitur). Bei der Erbteilung von 1583 erhielt der ältere Rudolf VII. das Rottweiler Hofgericht, den Klettgau und Blumenegg, Karl Ludwig Vaduz und Schellenberg. 1602 übernahm Karl Ludwig den Klettgau (ohne Tiengen) mit 315 000 Gulden Schulden, Rudolf VII. resignierte und erhielt tauschweise wiederum Blumenegg, das er am 7.2.1613 dem Stift Weingarten für 150 000 Gulden verkaufte. Die Verschuldung vermochte der tüchtige Karl Ludwig nicht aufzufangen. Am 22.3.1613 verkaufte er für 200 000 Gulden Vaduz und Schellenberg an den nachmaligen Schwiegersohn Graf Kaspar von Hohenems. Um den Herrschaftswechsel abzuwenden, hatte die Landschaft Karl Ludwig Hilfe bei der Schuldentilgung angeboten.

Im Klettgau kam es Ende 16. Jahrhundert zu einer Revolte der Untertanen; sowohl im Klettgau wie in Vaduz und Schellenberg bestanden im 16. Jahrhundert Landschaften. 1584 schloss Karl Ludwig mit den Landschaften Vaduz und am Eschnerberg eine Vereinbarung über die Reichssteuer (→«Schnitz»). 1592 ersuchte er Kaiser Rudolf II. um das Recht, in Vaduz Jahr- und Wochenmärkte abzuhalten. 1603 erliess er für den Klettgau eine Landesordnung. 1635–38 waren die Sulzer kurzzeitig im Besitz ihrer Stammherrschaft Sulz. 1637 zerstörten kaiserliche Soldaten die Küssaburg vor den heranrückenden Schweden. 1657 verkaufte Johann Ludwig II. den oberen Klettgau an Schaffhausen. Den Sulz verblieben im Klettgau Tiengen, Wutental, Weissenburg, Rötteln, Balm und Altenburg. 1672 erliess Johann Ludwig II. eine Erbfolgeordnung zugunsten der ältesten Tochter Maria Anna. Mit seinem Tod (1687) erbten die Schwarzenberg den sulzischen Besitz.

Sulzische Lehensherren waren im Mittelalter nach den Zähringern und Staufern die habsburgischen Könige und Österreich, teils Württemberg und das Hochstift Konstanz, in der frühen Neuzeit zudem das Hochstift Trier, Lothringen und Bayern. Dazu kamen vermehrt österreichische Pfandschaften. Für das Schloss Vaduz und die Küssaburg hatte Österreich ein Öffnungsrecht. Seitdem mit Albrecht II. ab 1438 das Haus Österreich den römisch-deutschen König stellte, entfielen Loyalitätskonflikte zwischen dem römisch-deutschen König und dem Haus Österreich; es bestanden aber weiterhin Optionsmöglichkeiten zwischen den Linien des Hauses Österreich. Karl Ludwig und sein Sohn Karl Ludwig Ernst (†1648) waren Präsidenten des Reichskammergerichts in Speyer. Ein wichtiger Dienstherr war das Haus Württemberg. Dies war erstmals seit dem späteren 14. Jahrhundert und – unter konfessionspolitischen Vorzeichen – vorwiegend in der Mitte des 16. Jahrhunderts der Fall. Das Fehlen eines Hofs in Innsbruck 1595–1602 eröffnete für die Sulzer bis in den Dreissigjährigen Krieg politische Freiräume, die neben Diensten für das Haus Österreich auch solche bei den Wittelsbachern in Bayern umfassten. Dienste in den niederadelig besetzten Hochstiften waren selten. Frauen dienten als Hofdamen in Innsbruck und Wien. Die vorwiegend kaiserlichen, österreichischen und teils bayerischen Gesandtschaften der Sulz erstreckten sich mit Schwerpunkten im Südwesten von Mantua bis Basel und Frankfurt. Politisch bedeutsam waren seit 1467 die österreichischen Gesandtschaften Alwigs VIII. und Rudolfs IV. (Heirat Erzherzogs Maximilians von Österreich mit Maria von Burgund 1477) sowie 1474 die Gesandtschaft Alwigs VIII. nach Konstanz (Ewige Richtung). Militärische Dienste leisteten die Sulzer im Spätmittelalter und 16. Jahrhundert v.a. für das römisch-deutsche Reich und Österreich, in den 1420er Jahren war Hermann VI. auch Hauptmann des oberrheinischen Städtebunds; nach 1600 kamen spanische und bayerische Dienste hinzu. Karl Ludwig war 1603–10 Präsident des kaiserlichen Hofkriegsrats. Die Sulzer waren über das Schwäbische Grafenkolleg Mitglied des Reichstags; sie waren ebenso Mitglied der Gesellschaft mit Sankt Jörgenschild in Schwaben, des Schwäbischen Bunds, des Nürnberger Bunds von 1538 und der Katholischen Liga (innerhalb des österreichischen Direktoriums).

Während und nach der Reformation blieben die Sulzer beim alten Glauben. Dabei wechselte eine antireformatorische Position Rudolfs V. um die Mitte des 16. Jahrhunderts in eine tolerantere unter dem Einfluss Herzog Christophs von Württemberg und wiederum in eine eindeutig altkirchliche seit dem späteren 16. Jahrhundert. Letztlich überwog die Standessolidarität. Im Gesamten blieben die Sulzer, auch unter dem Einfluss der evangelischen Schwägerschaften, pragmatisch.

Die Versorgung der Sulz mit geistlichen Ämtern war im Spätmittelalter ausgeprägter als in der frühen Neuzeit. Mitglieder der Familie waren Inhaber grosser Pfarreien, Mitglieder alter Orden, v.a. der Benediktiner und der Zisterzienserinnen, von Damenstiften, hochadeligen Domkapiteln und Ritterorden, weniger der Mendikanten.

Die Heiratskreise hatten im Mittelalter ihren eindeutigen Schwerpunkt im deutschen Südwesten. Auch nach der Reformation blieben die traditionellen Bindungen mit den gräflichen Standesgenossen konstant; im Unterschied zum katholischen Fürstenadel oder den Hohenems erweiterte sich das Konnubium nicht in den romanischen Raum. Ehen gab es auch mit Mitgliedern evangelischer Geschlechter (Baden-Durlach, Hohnstein, von Helfenstein, Erbschenken von Limburg, Sayn). Durch die Ehen mit Ursula von Habsburg-Laufenburg (1408) und Maria Cleophe von Baden-Durlach (1548) knüpften die Sulzer Kontakte zum Fürstenstand. Der Heiratskreis im Südwesten – v.a. mit den Truchsessen von Waldburg, Hohenems, Königsegg, Schwarzenberg und Zollern – wurde in den Tiroler Adel und in Familien aus dem Südharz, Hessen, der Eifel und Böhmen erweitert. Mit dem landsässigen Adel Nieder- und Innerösterreichs blieben die Heiratskontakte gering. Die Sulzer des 16. und 17. Jahrhunderts besuchten katholische Universitäten, zunächst in Freiburg i.Br., später mehr im jesuitischen Ingolstadt (D), aber auch in Dillingen (D), in Dôle (F) und in Padua (I).

Identitätsstiftend wirkte seit dem Hochmittelalter der Leitname Alwig. Kaiser Friedrich III. verlieh der Familie am 1.1.1469 die Rotwachsfreiheit, d.h. das Recht, mit rotem Wachs zu siegeln, hatte allerdings 1456 die Verleihung des Rottweiler Hofgerichts als Erblehen verweigert. 1527 erhielten die Sulzer von Kaiser Karl V. den Titel «Wohlgeboren», 1492 von Kaiser Friedrich III. und 1603 von Kaiser Rudolf II. das Palatinat für Alwig VIII. bzw. Karl Ludwig. Das Wappen wurde um 1540 quartiert (Sulz mit Brandis). Das dynastische Bewusstsein (bereits sichtbar in der Erbeinung von 1561) nahm im späteren 16. Jahrhundert zu. 1609 erschien die «Chronotaxis», eine von Sigmund Rainolt verfasste Familiengeschichte. Karl Ludwig Ernst regte in seiner württembergischen Statthalterschaft 1636 in Tübingen eine Familiengenealogie an. Das Selbstverständnis der Sulz drückte sich v.a. in der Bautätigkeit und Residenzbildung aus. Bestanden noch im Hoch- und Spätmittelalter mehrere Wohnsitze (Stammburg Albeck, Neckarburg, Rottweil, Schlösser Rheinau und Balm, Schaffhausen, Kastelberg), so konzentrierten sie sich nach 1482 auf Tiengen (mit Jestetten), Altkirch im Elsass und Vaduz mit Blumenegg. Ein Stadthaus gab es weiterhin in Schaffhausen (bis 1611). Wohnsitze aus dienstlichen Gründen befanden sich im 16. und 17. Jahrhundert in Rottweil, Innsbruck, Hagenau, Speyer, Prag und Wien. Grablegen (verbunden mit religiösen Stiftungen) gab es zuerst in Alpirsbach und Rottenmünster, ab dem späteren 13. Jahrhundert bei den Dominikanern in Rottweil und in Rheinau (ZH), ab 1535 in Vaduz, zuletzt in Tiengen und Jestetten. Die Residenzen in Tiengen, Jestetten und Vaduz wurden im 16. bzw. 17. Jahrhundert ausgebaut. Stiftungen von Wappenscheiben (um 1490–1604) erfolgten u.a. in Zürich, Rheinfelden, Rottweil, Basel und Horn (TG). Die religiösen Stiftungen waren zunehmend konfessionspolitisch bestimmt (Einsiedeln 1588, Altötting 1604, Kapelle St. Florin in Vaduz um 1600, 1629 Hochaltar in Jestetten).

Die Sulzer, deren Herrschaften wirtschaftlich und politisch in einer Grenzregion lagen, erscheinen als kleinere Grafenfamilie, die in enger Symbiose meist mit dem Haus Österreich lebte und durch frühzeitige universitäre Studien geprägt war, mit Schwerpunkten in der Verwaltung und im militärischen Bereich. Hatte sich die Dynastie im 15. Jahrhundert noch an Raubzügen und Fehden beteiligt, wandelte sie sich unter dem Anspruch des Rottweiler Hofgerichts bereits im 16. Jahrhundert zum Typus des professionalisierten Hochadels. In der Grafschaft Vaduz und der Herrschaft Schellenberg folgte nach einer schwierigen Phase während der Reformation und des Bauernkriegs unter Rudolf V. in der zweiten Jahrhunderthälfte eine Entspannung, v.a. unter Karl Ludwig. Insofern verblieben die «glücklichen sulzischen Zeiten» in lebendiger Erinnerung.

Archive

Schwarzenberg. Familienarchiv im Státní archiv, Český Krumlov (CZ); Fürstlich Fürstenberg. Archiv, Donaueschingen (D); Bad. Generallandesarchiv, Karlsruhe (D).

Quellen

EA, besonders 1–4; Fürstenberg. UB, 7 Bde., 1877–91, besonders 3, 4, 7; Rappoltstein. UB, Hg. K. Albrecht, 5 Bde., 1891–98, besonders 4, 5.

Literatur

Seger: Herrschaftsübergang, 1960; Schäfer: Sulz, 1965; G. Grube: Die Verfassung des Rottweiler Hofgerichts, 1969; Der Klettgau, Hg. F. Schmidt, 1971; Schäfer: Hochadel, 1984; Kaiser/Brunhart: Geschichte 1, 1989, 349–400; I. Fingerlin: Die Grafen von Sulz und ihr Begräbnis in Tiengen am Hochrhein, 1992.

Medien

Wappenscheibe der Grafen von Sulz, gestiftet von Ludwig Graf von Sulz, 1604 (Bildarchiv LLM). Das ursprüngliche Wappen der Grafen von Sulz ist im Spitzenschnitt geteilt von Silber und Rot. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts war das Wappen geviert mit Brandis.
Vereinfachte Stammtafel der Grafen von Sulz
Die Gebiete der Grafen von Sulz, um 1600 (Evelyne Bermann, Schaan). © Schulamt

Zitierweise

Heinz Noflatscher, «Sulz, von», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Sulz,_von, abgerufen am 26.4.2019.