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Tod

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Autor: Reiner Sörries | Stand: 31.12.2011

Seit dem frühen Mittelalter war auch in Liechtenstein die Einstellung zu Sterben und Tod vom christlichen, katholischen Glauben geprägt. Die Reformation spielte in Liechtenstein keine Rolle, und die alten Traditionen wurden bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts ungebrochen gepflegt. Es sind zahlreiche Berichte vorhanden, die von einem ausgeprägten Sterbe- und Totenbrauchtum zeugen. Vom Versehgang über die Totenwache und den Leichenzug vom Haus aus bis zu den festgefügten Trauerzeiten und der Stiftung von Jahrzeiten wurden alle volksfrommen Rituale und Bräuche gepflegt. Wie andernorts kam es jedoch auch zu abergläubischen Vorstellungen etwa vom zweiten Gesicht oder dem «Künden» des Todes durch ungewöhnliche Vorkommnisse. Obrigkeitliche Erlasse lassen erkennen, dass es bei Totenwache oder Leichenmahl bisweilen zu «feucht-fröhlichen» Exzessen kam. Der Tod war öffentlich und das Bestattungszeremoniell wurde von der Nachbarschaft getragen.

Früh schon, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, verbreitete sich in Liechtenstein die Sitte der Sterbebilder. Zu den besonderen Zeugnissen des Erinnerungskults gehört auch die Post-mortem-Fotografie; dem Ablichten von Toten widmete sich in den 1920er und 30er Jahren der Triesner Pfarrer Anton Frommelt (1895–1975).

Soweit Berichte vorliegen, blieb die traditionelle Bestattungskultur als Spiegel der Einstellung zu Sterben und Tod bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts erhalten, und erst die 1960er Jahre brachten einen Säkularisierungsschub mit sich. Auf dem 2. Vatikanischen Konzil wurde 1963 die Erlaubnis zur Feuerbestattung ausgesprochen, und auf dem Friedhof traten Urnen- und Gemeinschaftsgräber neben die herkömmlichen Erdgräber. In der Einstellung zu Sterben und Tod fand ein Paradigmenwechsel statt. Findet sich in einem Katechismus von 1955 noch die Lehre vom Fegefeuer und vom endgültigen Gericht, das über Himmel oder Hölle entscheidet, und bezeugt so die Angst vor dem, was nach dem Tod kommt, bewegt den Menschen heute eher die Frage, was vor dem Tod kommt. So fiel die Idee der Hospizbewegung auch in Liechtenstein auf fruchtbaren Boden; 1995 gründete sich die «Hospizbewegung Liechtenstein» (seit 2001 «Verein Hospizbewegung Liechtenstein»). Die Liechtensteinische Ärztekammer gibt ein Formular zur Patientenverfügung heraus, in der Menschen zu Lebzeiten über zu treffende Massnahmen im Sterbeprozess entscheiden können.

Auch wenn Liechtenstein noch überwiegend katholisch ist, so brachte bereits der Zuzug von Evangelischen Ende des 19. Jahrhunderts und heute von Muslimen andersgelagerte Auffassungen von Sterben und Tod mit sich. Grundsätzlich sind die Fragen des Todes nicht mehr so sehr religiös motiviert, sondern werden auf einer ethischen Grundlage diskutiert. 2005 wurde eine Verfassungsinitiative zum Schutz des menschlichen Lebens, die auch die Frage der Sterbehilfe beinhaltete, in einer Volksabstimmung abgelehnt.

Literatur

E. Bucher: Tod und Totenkult in der Walsergemeinde Triesenberg FL, in: Schweizer Volkskunde, 1976, H. 4, 50–66; A.P. Goop: Brauchtum in Liechtenstein, 1986, 210–212, 294–303; Vogt: Balzers 2, 1996, 467–507; A.P. Goop: Sterbebilder, in: Eintracht 19, 1998, 12–23; P. Hugger: Meister Tod, 2002; A.P. Goop, G. Meier, D. Quaderer: Brauchtum Liechtenstein, 2005, 228–237.

Medien

Letzte Fahrt des vom Pferd gezogenen Totenwagens in Eschen, 1976 (GAE). © Erich Allgäuer, Eschen.

Zitierweise

Reiner Sörries, «Tod», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Tod, abgerufen am 19.2.2019.