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Vaduz (Schloss)

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Autorin: Elisabeth Crettaz-Stürzel | Stand: 31.12.2011

Landesfürstliche Burg oberhalb des Vaduzer Regierungsviertels, früher Burg Vaduz, im 18. Jahrhundert auch Schloss Hohen-Liechtenstein. Liegt auf einem Felssporn über dem Rheintal auf 570 m ü.M.

Archäologische Grabungen 1904 und 1977 förderten wenige prähistorische Siedlungsspuren aus der Bronzezeit (2200– 800 v.Chr.) und der Eisenzeit (800–15 v.Chr.) zutage; Hinweise auf eine römische Präsenz sind spärlich. Die erste urkundliche Erwähnung der wohl schon Mitte des 13. Jahrhunderts bestehenden Burganlage erfolgte 1322 anlässlich einer Verpfändung durch Graf Rudolf II. von Werdenberg-Sargans. Graf Hartmann III. (I.) von Werdenberg-Sargans-Vaduz war wahrscheinlich der erste Landesherr, der auf Schloss Vaduz wohnte, nachdem es bei der Werdenberg-Sarganser Herrschaftsteilung 1342 an ihn gefallen war. Schloss Vaduz als gräfliche Herrschaftsburg blieb Sitz der jeweiligen Landesherren, so ab 1416 der Freiherren von Brandis. Ihnen folgten 1510 die Grafen von Sulz, 1613 die Grafen von Hohenems und 1712 die Fürsten von Liechtenstein.

Auf einem kleinen Felsplateau entstand ab der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts sukzessive eine ummauerte Kernburg mit Bergfried im Osten, südostseitigem Zugangstor und zweigeschossigem Palasgebäude. Es folgten noch im 13. Jahrhundert eine Ringmauererhöhung mit Zinnen und Schiessscharten, ein Wohnturm in der Nordwestecke (1287 dendrodatiert) sowie eine Palasverlängerung um den heutigen, südwestlichen Saaltrakt und im 14. und 15. Jahrhundert Ausbauten und Aufstockungen sowie Wirtschafts- und Wohngebäude gegen die östliche Ringmauer. Nach der Zerstörung durch die Eidgenossen im Schwabenkrieg 1499 wurde das Schloss wiederhergestellt und durch einen Öffnungsvertrag (1505) in das österreichische Verteidigungssystem gegen die Eidgenossen und den Protestantismus eingebunden. 1523–29 entstanden im Süden und Norden zwei wehrhafte Rondelle, die ein hochmodernes Defensivsystem gegen die neuen Feuerwaffen darstellten; das Burgtor wurde an die Südwestecke verlegt. Im Innern wurde Anfang des 16. Jahrhunderts im Palas-Erdgeschoss die St.-Anna-Kapelle als kreuzgratgewölbter Rechtecksaal mit Spitzbogenfenstern und Empore eingerichtet (zwei spätmittelalterliche Flügelaltäre), der Wohnkomfort gemäss dem Geschmack der Renaissance erhöht, u.a. mit Malereien, und 1528 der Saaltrakt wiederhergestellt. 1563–85 Bau der inneren Toranlage und des Westtrakts als Wohnraum der Grafen von Sulz. Die nachfolgenden Hohenemser legten im Süden ausserhalb der Burgmauern den barocken Garten an. Aus der wehrhaften Burganlage war ein offenes Schloss geworden. 1750 wurde der talseitige Saalbau mit einem Pultdach ausgebessert.

Vom 17. bis Anfang des 19. Jahrhunderts hielt das Oberamt auf Schloss Vaduz Gerichtssitzungen (Verhörtage) ab. 1712–32 diente es als Sitz des Landvogts. Danach wurde es nicht mehr bewohnt und verfiel zu einer verwahrlosten Halbruine. Diese zog im 19. Jahrhundert aufgrund ihrer malerischen Lage und der erwachenden europäischen «Rheinromantik» das Interesse von Burgenromantikern auf sich. Einige Gebäudeteile dienten als Gefängnis und ab 1836 als Garnison für das liechtensteinische Militär. Bis 1896 bot eine «Schlosswirtschaft» Besuchern Erfrischungen an, sonst stand die Burg leer. Erst die um 1890 durchgeführten dringenden Unterhaltsarbeiten stoppten den Verfall. Um 1900 und wieder 1929–40 dienten einzelne Räume als Museum (→ Liechtensteinisches Landesmuseum).

Der von Fürst Johann II. initiierte, 1904–14 im Rahmen der europäischen Burgenrenaissance erfolgte Wiederaufbau bewirkte das homogene, auf die verschiedenen Bauphasen des Mittelalters und der Renaissance bis hin zum Barock Rücksicht nehmende heutige Erscheinungsbild (→ Historismus). Gelenkt wurde die Restaurierung vom kulturellen Zentrum Wien aus. Das Restaurierungskonzept stammte von Graf Hans von Wilczek. Er besass das Vertrauen Fürst Johanns II. und der beiden beigezogenen, verfeindeten Burgenfachleute Bodo Ebhardt aus Berlin und Otto Piper aus München. Durchgeführt wurden die Bauarbeiten von Franz von Wieser, Denkmalkonservator in Innsbruck, und Alois Gstrein, Bauunternehmer in Brixen. Der als Experte beigezogene Künstler-Architekt und Bauarchäologe Egon Rheinberger aus Vaduz fertigte 1904 ein fantasievolles Wiederaufbaumodell sowie Restaurierungsstudien an. Als Leitlinien für den Wiederaufbau dienten die Vorgaben der damals neuen Denkmalpflegedoktrin, wie sie um 1900 Aloys Riegl in Wien vertrat: keine «stilreine» Rückführung auf die Romanik oder Gotik, sondern grundsätzlicher Bestandeserhalt, Respekt aller historischen Bauperioden («Alterswert») und Ergänzungen dort, wo es für neue Nutzungen unumgänglich ist. Schloss Vaduz präsentiert sich heute im Sinn der Burgenrenaissance in einem bewusst hergestellten atmosphärischen Mittelalter um einen authentischen historischen Kern. Nach der Restaurierung diente das Schloss den Fürsten als gelegentlicher Wohnsitz, bis Fürst Franz Josef II. es 1938 zur ständigen Residenz machte. Seit 1945 ist es zudem Sitz der Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein und beherbergt deren Depot sowie Teile des fürstlichen Hausarchivs. Schloss Vaduz kommt symbolische Bedeutung als Wahrzeichen für das Land Liechtenstein und die liechtensteinische Monarchie zu.

Literatur

Castellani: Schloss Vaduz, 1993; Archäologie: Tätigkeitsbericht 1997, in: JBL 97 (1999), 257–267, bes. 261f.; Herrmann: Kunstdenkmäler 2, 2007, 252–274.

Zitierweise

Elisabeth Crettaz-Stürzel, «Vaduz (Schloss)», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Vaduz_(Schloss), abgerufen am 22.4.2019.

Medien

Postkarte «Gruss aus Vaduz. Fürstenthum Liechtenstein. Schloss Vaduz» (LI LA). Postkartenverlag: Chr. Tischhauser, Buchs. Schloss Vaduz vor dem Wiederaufbau, 1904–14.