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Vaterländische Union (VU)

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Autor: Wilfried Marxer | Stand: 31.12.2011

Die 1936 gegründete VU ist eine Volkspartei, die sich in der Selbsteinschätzung zur monarchisch-demokratischen Staatsform, christlicher Weltanschauung und sozialer Gerechtigkeit bekennt. Sie ist der Familie der christdemokratischen Parteien zuzuordnen und Mitglied der Europäischen Demokratischen Union EDU.

Die VU ist als Verein organisiert. Organe sind als oberstes Gremium die Mitgliederversammlung (Parteitag), der Landesvorstand, das Präsidium und die Ortsgruppen in den Gemeinden, beratende Funktion haben die Konferenz der Ortsgruppenvorsitzenden, die Frauenunion (gegründet 1982), die Jugendunion (gegründet 1965), die Seniorenunion und Fachunionen, der Parteirat, der Parteisekretär und der Parteikassier.

Die VU entstand am 5.1.1936 durch die Fusion der Christlich-sozialen Volkspartei und des Liechtensteiner Heimatdienstes, die sich einander 1935 in der Gemeinschaftsaktion der Nationalen Opposition angenähert hatten. Gleichzeitig schlossen sich ihre Parteizeitungen zum «Liechtensteiner Vaterland» zusammen. Obwohl die 1918 gegründete Volkspartei mehr politisches Gewicht hatte, war die neue VU stark vom 1933 entstandenen, totalitär-ständestaatlichen Heimatdienst beeinflusst. Heimatdienst-Leute nahmen die wichtigsten Funktionen ein: Otto Schaedler wurde Parteipräsident, Alois Vogt Parteisekretär. Ausserdem wurde dem «Heimatdienst»-Redaktor Carl von Vogelsang die Redaktion des «Liechtensteiner Vaterlands» übertragen. Von Volksparteiseite wurden Alois Ritter Vizepräsident und Arnold Hoop Beisitzer. In der Umgangssprache werden die VU-Anhänger wie diejenigen der ehemaligen Volkspartei als die «Roten» bezeichnet. Die Parteienfusion war wegen den bevorstehenden Gemeinderats- und Landtagswahlen beschleunigt worden. Die VU erreichte bei den Landtagswahlen 1936 aber nur 4 der 15 Mandate. Ihr Schwerpunkt lag wie schon bei der Volkspartei im Oberland, v.a. in Balzers, Triesen und Triesenberg. Nach dem damaligen Majorz-Wahlgesetz mit Gemeinde-Direktmandaten holte sich die VU die Mandate in diesen drei Gemeinden, zuzüglich das Mandat von Parteipräsident Otto Schaedler im zweiten Wahlgang. Da ihr Stimmenanteil landesweit aber bei rund 45 % lag, wurde – wie schon mehrmals im Verlauf der 1930er Jahre – die Forderung nach einem Proporzwahlrecht gestellt. 1938 einigten sich die Fortschrittliche Bürgerpartei (FBP) und die VU schliesslich auf ein neues Proporzwahlrecht und auf eine gemeinsame Regierungskoalition, die bis 1997 dauerte (→ Koalition).

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs geriet die VU unter der Führung ihres deutsch-freundlichen Präsidenten Otto Schaedler und des Regierungschef-Stellvertreters Alois Vogt mehrmals ins politische Zwielicht. 1937 wurde Carl von Vogelsang wegen der sogenannten Spitzelaffäre des Landes verwiesen (→ Spionage). 1939 standen VU-nahe Personen im Verdacht, beim missglückten Anschlussputsch der liechtensteinischen Nationalsozialisten nicht die Landesinteressen vertreten zu haben. Allerdings hatte Alois Vogt geholfen, den Putsch abzuwehren. Im Krieg vertrat er zeitweilig eine Politik der Anpassung ans Dritte Reich. Trotz heftiger Auseinandersetzungen im Landtag und in der Öffentlichkeit nach dem Kriegsende 1945 hatte die gemeinsame Regierungskoalition Bestand.

Nachdem 1939 der Landtag in einer stillen Wahl bestellt und 1943 der Wahlgang durch eine fürstliche Verordnung ausgesetzt worden war, fanden erst 1945 wieder Landtagswahlen statt. Die VU blieb landesweit im Verhältnis zur FBP zwar die schwächere Partei, erreichte aber immerhin 7 der 15 Mandate. In der Folge lagen die beiden Volksparteien FBP und VU immer eng beieinander, der stimmenmässige Unterschied betrug fast ausnahmslos weniger als 10 %. Während die VU 1945 gegenüber der FBP noch einen Rückstand von knapp 10 % aufwies, drehte sie das Verhältnis bis 1997 zu einem Vorsprung von etwas mehr als 10 % um.

Trotz des tendenziellen Erstarkens der VU nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sie in den 1950er und 60er Jahren auf der Landesebene keinen Wahlsieg erreichen. Dies hing einerseits mit der erfolgreichen Politik der FBP, mit einem anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung und dem Ausbau des Sozialwesens zusammen, andererseits lastete auf der VU-Führung bis Mitte der 1960er Jahre der Schatten der 1930er Jahre.

Nach 32 Jahren als Minderheitspartner in der Regierung konnte die VU 1970 erstmals die Landtagswahlen gewinnen und mit Alfred Hilbe 1970–74 ihren ersten Regierungschef stellen. Auf eine Wahlniederlage 1974 folgte 1978 wieder ein Sieg und eine bis 1993 dauernde VU-Mehrheit in Landtag und Regierung unter Regierungschef Hans Brunhart. Der anhaltende Wirtschaftsboom erlaubte in dieser Zeit einen weiteren Ausbau des Sozialstaats, forderte aber auch gesetzliche Massnahmen zum Schutz von Natur und Umwelt. In diese Zeit fiel eine aussenpolitische Offensive, u.a. mit den Beitritten zum Europarat (1978) und zur UNO (1990) sowie mit dem europäischen Integrationsprozess. Nach dem kurzen Zwischenspiel einer FBP-Mehrheit unter Regierungschef Markus Büchel 1993 siegte die VU bei den vorgezogenen Neuwahlen im Herbst 1993 und bei den Landtagswahlen im Frühjahr 1997 mit ihrem Regierungschefkandidaten Mario Frick. Nach der Niederlage 2001 wählte die VU – wie 1997 die FBP – den Gang in die Opposition, beteiligte sich aber 2005 als Minderheitspartner erneut an einer Koalitionsregierung. Seit ihrem Wahlsieg 2009 verfügt sie im Landtag über die absolute Mehrheit und stellt mit Klaus Tschütscher den Regierungschef in der Koalitionsregierung mit der FBP.

Eine besondere ideelle und personelle Nähe pflegte die VU traditionell zum Liechtensteinischen ArbeitnehmerInnenverband. In der Volksabstimmung zur Verfassungsänderung vom März 2003 sprach sich die VU gegen den Vorschlag des Fürstenhauses aus.

Literatur

A. Brunhart: 50 Jahre für Liechtenstein, Hg. VU, 1986; Waschkuhn: Politisches System, 1994, 256–263; Geiger: Krisenzeit, 22000; Marxer: Wahlverhalten, 2000.

Medien

Die neu gewählte Regierung, 1970 (LI LA). Erstmals gewann die Vaterländische Union 1970 die Landtagswahlen und stellte den Regierungschef. Von links: William Hoop, Walter Kieber, Regierungschef Alfred Hilbe, Cyrill Büchel, Andreas Vogt.
Parteipräsidenten, ab 1936

Zitierweise

Wilfried Marxer, «Vaterländische Union (VU)», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Vaterländische_Union_(VU), abgerufen am 16.2.2019.