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Verkehr

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Autor: Klaus Biedermann | Stand: 31.12.2011

Als Verkehr wird die Ortsveränderung von Personen, Gütern und Nachrichten (→ Post, → Telekommunikation) bezeichnet. Das Gebiet von Liechtenstein liegt verkehrstechnisch günstig am nördlichen Zugang zu den Bündner Alpenpässen, die bereits in prähistorischer Zeit passiert wurden. Der Verkehr über die Pässe nahm zu, nachdem der römische Kaiser Augustus (63 v.Chr. bis 14 n.Chr.) sie durch Strassen und Wege hatte erschliessen lassen. Im Mittelalter wurde der Verkehr mit Burgen gesichert und überwacht. Verkehrswege dienten einerseits dem Lokalverkehr, v.a. in der Landwirtschaft, andererseits dem wirtschaftlich wichtigen Durchgangsverkehr. Im Rahmen des Rod- und Fuhrwesens (→ Transportwesen) konnten vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert in Liechtenstein lokale Bauerngenossenschaften im Auftrag von städtischen Handelsleuten gegen Bezahlung Transporte durchführen. Es gab immer auch eine Konkurrenz zwischen Liechtenstein und Werdenberg: Durch Ausbesserung ihrer Verkehrswege versuchten beide Seiten, den Verkehr – der besonders den entlang der Transitwege gelegenen Wirtshäusern ein Einkommen verschaffte (→ Gastgewerbe) – auf ihre Seite zu ziehen. Ein Gradmesser für das Ausmass des Verkehrs war das Zollwesen, denn die Zölle wurden in Liechtenstein bis ins 19. Jahrhundert als Strassen- und Wegzoll erhoben. Hungersnöte und Versorgungskrisen (1771–72 und 1816–17) bewirkten einen Anstieg des Verkehrs, da die Bevölkerung von aussen mit Nahrung versorgt werden musste, hingegen ging der Verkehr infolge von Krieg und Seuchen zumeist merklich zurück. Durch den Bau der Eisenbahn durch das St. Galler Rheintal 1858 und zwischen Feldkirch und Buchs 1872 verloren die Transitwege ihre Bedeutung, da Waren und Personen im überregionalen Verkehr nun vermehrt auf der Schiene befördert wurden.

Eine einschneidende Veränderung im Verkehr bewirkte die im frühen 20. Jahrhundert einsetzende Motorisierung. Die Zahl der Personenkraftwagen (PKW) betrug 1936 in Liechtenstein 150, erhöhte sich zuerst zögerlich (472 im Jahr 1950) und bis 1980 markant auf 12 569. 2007 gab es 24 368 PKW. Infolge ungenügender Raumplanung konnten die Gemeinden ab 1954 Zonenpläne mit grossen Bauzonen erstellen, was die Zersiedelung, den Strassenbau und den individuellen Verkehr in Liechtenstein förderte. Der sich seit 1922 ebenfalls entwickelnde motorisierte öffentliche Verkehr wurde dadurch benachteiligt. Aufgrund des grossen Bedarfs der liechtensteinischen Wirtschaft an Arbeitskräften nahm die Zahl der Zupendler aus dem Ausland, v.a. aus der Schweiz und aus Österreich, stark zu. 1970 noch 2601 betragend, stieg ihre Zahl über 6885 (1990) auf 15 138 (2006). 2001 befuhren täglich 16 000 Fahrzeuge die Strecke Nendeln–Bendern, 16 400 passierten Vaduz und 13 500 die Grenze bei Schaanwald. Der Güterverkehr war 2006 zu 63 % reiner Durchgangsverkehr.

Vor allem seit den 1970er Jahren wurden Forderungen nach der Reduktion des die Umwelt durch Abgase, Lärm und Strassenbau belastenden motorisierten (Individual-)Verkehrs laut. Hierfür setzen sich u.a. verschiedene private Organisationen ein, so die Liechtensteinische Gesellschaft für Umweltschutz (LGU, gegründet 1973), der Verkehrs-Club des Fürstentums Liechtenstein (VCL, 1980) und die Arbeitsgruppe Verkehrsproblem Liechtensteiner Unterland (1992). Der in Liechtenstein immer noch wachsende Verkehr konnte bisher nicht in umwelt- und menschengerechte Bahnen gelenkt werden.

Quellen

StatJb 2006; StatJb 2007/08.

Literatur

Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972, 327–344; Biedermann: Rod- und Fuhrwesen, 1999; Verkehr – wie weiter?, 2004.

Zitierweise

Klaus Biedermann, «Verkehr», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Verkehr, abgerufen am 18.4.2019.