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Volksfrömmigkeit

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Autorin: Vera Meier Heymann | Stand: 31.12.2011

Volksfrömmigkeit als Begriff der Volkskunde etablierte sich Anfang des 20. Jahrhunderts, ohne inhaltlich klare Festlegung und mit einer Abfolge verschiedener Auffassungen. Volksfrömmigkeit orientiert sich in ganz Mitteleuropa am Christentum, ist in Liechtenstein vom Katholizismus geprägt, der alle Lebensbereiche berührt, Biografien und Alltag strukturiert (→ Kirchenjahr) und gesellschaftliche Grundwerte vorgibt. In diesem Rahmen wird Volksfrömmigkeit gelebt. Sie bedeutet das Ausüben religiöser Praktiken, manchmal zusammen mit dem Gebrauch von religiösen Objekten, beides dem Zweck verbunden, Situationen und Schicksal günstig zu beeinflussen oder Unerwünschtes zu verhindern, für die erfüllten Bitten zu danken und Versprechen einzulösen. Zur Volksfrömmigkeit gehören Wallfahrten, die von verschiedenen Gemeinschaften bis in die Gegenwart im In- und Ausland unternommen werden, ferner Prozessionen und Flurumgänge, die früher gute Ernten gewährleisten und vor Unbilden schützen sollten, mit der Industrialisierung jedoch seltener geworden sind. Volksfrömmigkeit zeigt sich in Feldkreuzen, in Bildstöcken und Kreuzen an Unfallstellen wie auch in Segnungen wichtiger Dinge des Lebens, von Häusern bis Autos, aber auch von Speisen, Kerzen und Rosenkränzen, wobei Segnungen im liturgischen Verständnis in erster Linie den Personen gelten, welche die betreffenden Dinge benutzen. Gegenstände wie Kreuze, Weihwasserkessel, Palmbuschen, Heiligenbilder und Statuen haben im Wohnbereich ihren Platz, manches davon wurde an Wallfahrtsorten erworben. In vielen Kirchen und Kapellen wird den Gläubigen die Möglichkeit zum Kauf und Anzünden von Kerzen und Lichtern geboten, welche diese mit Gebeten und Bitten in Verbindung bringen. Beliebt ist es, Familienmitgliedern oder Freunden in schwierigen Situationen anzubieten: «Ich zünde für dich eine Kerze an». In den Kirchen finden sich Opferstöcke für Spenden, z. B. für den hl. Antonius, der angerufen wird, wenn jemand etwas verloren hat. «Eine Messe lesen lassen», d.h. ein Mess-Stipendium für einen guten Zweck zu bezahlen, ist bei Todesfällen und zum Gedenken der Verstorbenen an deren Todestag üblich, aber auch in schwierigen Situationen und als Dank für Hilfe in Not.

Literatur

Goop: Brauchtum, 1986; E. Vogt: Religiöses Brauchtum, in: 75 Jahre Fürst Johann-Jubiläumskirche Pfarrkirche St. Nikolaus Balzers 1912–1987, 1987, 95–124; A. Brunhart: Religion, Alltag und kirchliches Brauchtum, in: 125 Jahre Pfarrei Ruggell, 2002, 225–259.

Zitierweise

Vera Meier Heymann, «Volksfrömmigkeit», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Volksfrömmigkeit, abgerufen am 22.2.2019.