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Weinbau

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Autor: Bernd Marquardt | Stand: 31.12.2011

Die Weinrebe ist eine Kulturpflanze der mediterranen Subtropen, die in das nördlich des Alpenhauptkamms gelegene Gebiet auszugreifen vermag, sofern ausreichend sonnenreiche und sommerwarme, in der Regel süd- bis südwestgerichtete Hanglagen vorhanden sind. Das ist im abgeschirmten und föhnreichen Alpenrheintal der Fall.

Angenommen wird, dass die Weinrebe durch die Römer ins Alpenrheintal gelangte. Belegt ist der Weinbau für die Römerzeit in diesem Raum jedoch nicht. Erst um 842/43 finden sich im churrätischen Reichsgutsurbar erste Nachweise, u.a. für Balzers. Die eigentliche Blütezeit begann, begünstigt durch eine klimatische Warmphase, zur Zeit des hochmittelalterlichen Landesausbaus mit lokalen Schwerpunkten in Balzers, Triesen (ab etwa 1100 belegt), Vaduz (ab 1249 belegt) und am Eschnerberg (ab 1363 belegt). Der früheste Beleg für eine in Liechtenstein als Torkel bezeichnete Weinpresse stammt von 1385. Im Rahmen der bis ins frühe 19. Jahrhundert vorherrschenden herrschaftlich-genossenschaftlichen Agrarverfassung war für den Weinbau charakteristisch, dass es bei ein und demselben Rebgelände in Bezug auf die Eigentums- und Nutzungsrechte mehrere Berechtigte gab. An einigen der besten Weingärten stand das hauptsächliche Nutzungsrecht den lokalen Gerichtsherren von Vaduz, Schellenberg und Gutenberg zu. Diese konnten für die im Zusammenhang mit dem Weinbau anfallenden Arbeiten z.T. auf von Dorfbewohnern zu leistende Fronen zurückgreifen. Für die Bearbeitung der Weingärten gaben sie diese in der Regel gegen die Ablieferung des halben Ertrags an Untertanen aus. Die aus dem frühen 16. Jahrhundert stammende älteste Weinbauordnung Liechtensteins enthält Bestimmungen für solche Bearbeiter herrschaftlicher Weingüter in Vaduz und Triesen. Mehrere Weinberge waren der Versorgung von Klöstern (z.B. St. Luzi in Chur, Pfäfers, St. Johann im Thurtal) gewidmet. Unter den Inhabern von Weingütern befanden sich ferner Stadtbürger des regionalen Weinzentrums Feldkirch, vereinzelt auch einheimische Bauern. Zu gewissen Zeiten standen die Rebgelände der Allgemeinheit als Viehweide zur Verfügung (→ Allmende).

Angebaut wurden in Liechtenstein der weisse Elbling und seit Mitte 17. Jahrhundert auch der rote Blauburgunder. Einbussen erlebte der liechtensteinische Weinbau um 1600 infolge der Klimaverschlechterung der «Kleinen Eiszeit». Damals wurden viele Weinberge in Obstgärten umgewandelt. Dennoch gab es im späten 18. Jahrhundert noch in Balzers, Triesen, Vaduz, Schaan, Mauren, Eschen, Gamprin und Schellenberg Rebgelände.

Bis weit ins 19. Jahrhundert war Wein neben dem Vieh der bedeutendste liechtensteinische Exportartikel. Durch die Änderungen in der Agrarverfassung trat im 19. Jahrhundert an die Stelle der auf mehrere Inhaber aufgeteilten Eigentums- und Nutzungsrechte das moderne Privateigentum. Die Weingüter gingen zunehmend in bäuerliche Hände über, die Fürsten von Liechtenstein waren und blieben aber Besitzer des grössten Teils des Reblands. Hingegen verschwand durch die Säkularisation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der klösterliche Besitz. 1848 wurden die Fronen abgeschafft. Ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert kam es zum Zusammenschluss von Winzern zu örtlichen Winzergenossenschaften. Hinsichtlich der angebauten Sorten ging der Weisswein stark zurück, während der Blauburgunder zum eigentlichen liechtensteinischen Wein wurde. Etwa die Hälfte ging in den Export.

Die Weinbaufläche betrug zu Beginn des 19. Jahrhunderts rund 54 ha, stieg dann an und erreichte 1871 einen Höchststand. Danach erlitt der Weinbau einen Einbruch, bedingt u.a. durch die besonders nach der Eröffnung der Arlbergbahn (1871) verschärfte Konkurrenz durch ausländische Weine, Missernten und neue Rebkrankheiten. 1890 betrug die Rebfläche noch 66 ha. Der durchschnittliche jährliche Weinertrag lag 1887–90 bei 5660 hl. An der Wende zum 20. Jahrhundert erlebte der Weinbau in Liechtenstein seinen Tiefpunkt. Im späten 20. Jahrhundert erfolgte ein abermaliger Aufschwung auf mehr als 100 (Nebenerwerbs-)Winzer mit 25 ha Rebland (2002) und rund 1000 hl Jahresproduktion (2002: 1055 hl).

Quellen

LUB I/1-6; LUB II.

Literatur

Büchel: Triesen, 1902, 216; E. Ospelt: Der liechtensteinische Weinbau, in: St. Galler Bauer 51 (1964), 1123–1125; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972, 170–175; E. Ospelt: Der Weinbau in Liechtenstein, in: St. Galler Bauer 66 (1979), 1185f.; Büchel: Gemeinde Triesen 1, 1989, 354–366; Vaduzer Wein, 1996; M. Ospelt, W. Müller: Weintradition in Liechtenstein, 2004; Werdenberger Jahrbuch 2010, Jg. 23 (2009).

Medien

«Rheinberger’s Weingarten Ernte, 1923» (Familienarchiv Rheinberger). Weinlese im Weinberg von Egon Rheinberger im Meierhof, Triesen. Hintere Reihe, fünfter von rechts Egon Rheinberger.

Zitierweise

Bernd Marquardt, «Weinbau», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Weinbau, abgerufen am 23.2.2019.