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Wirtschaft

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Autoren: Fabian Frommelt, Ulrike Mayr, Christoph Maria Merki | Stand: 31.12.2011

Einleitung

Der Begriff Wirtschaft umfasst alle Tätigkeiten des Menschen, durch die er in einer Welt knapper Ressourcen seine Lebensbedürfnisse zu befriedigen sucht. Neben den Grundbedürfnissen wie Ernährung, Kleidung oder Wohnen sind u.a. auch der Wunsch nach Sicherheit, Unterhaltung, Luxus oder sozialem Prestige wirtschaftliche Triebkräfte. Wirtschaftliche Tätigkeit steht in engem Zusammenhang mit sozialen, politischen und ökologischen Rahmenbedingungen. In einer bäuerlichen Gesellschaft kommt den Verfügungsrechten über den Boden als zentralen Produktionsfaktor entscheidende Bedeutung zu. Die Abschöpfung der menschlichen Arbeitskraft als eines weiteren Schlüsselfaktors führte bei noch rudimentär entwickelten Energietechnologien und geringem Mechanisierungsgrad zu verschiedenen Formen der Unfreiheit (Sklaverei, → Leibeigenschaft). Zu unterscheiden sind die auf Selbstversorgung ausgerichtete Subsistenzwirtschaft und die sich stärker auf den Produktionsfaktor Kapital stützende, arbeitsteilige Produktionsweise, die neben der Primärproduktion auch die Herstellung von gewerblichen Gütern und Dienstleistungen erlaubt. Letztere bedingt ein Markt- und Handelssystem mit einem abstrakten Tauschmittel (→ Geld). Die Wirtschaft kann durch herrschaftliche oder staatliche Autoritäten gelenkt oder dem mehr oder minder freien Spiel der Marktkräfte überlassen werden.

Die liechtensteinische Wirtschaftsgeschichte ist nur für das 19. und 20. Jahrhundert aufgearbeitet. Für die Ur- und Frühgeschichte, das Mittelalter und die Frühneuzeit können hier nur einige Grundlinien der Entwicklung angedeutet werden. Zu den Rahmenbedingungen der liechtensteinischen Wirtschaftsentwicklung gehören u.a. das Fehlen einer Stadt im eigenen Territorium, der Mangel an Bodenschätzen und die Verfügbarkeit von Wasserkraft. Die intensiv nutzbare Fläche beschränkt sich auf ein schmales Talband zwischen dem Rhein und dem zwei Drittel der Landesfläche einnehmenden Berg- und Alpengebiet (→ Landschaft). Die Importabhängigkeit des Kleinstaats führte in Zeiten wirtschaftlicher Isolation zu Versorgungsengpässen. Aufgrund des winzigen Heimmarkts ermöglichte erst der Anschluss an grössere Wirtschaftsräume seit dem 19. Jahrhundert das Aufkommen exportorientierter Industrien und Dienstleistungen.

Fabian Frommelt

Vom Wildbeuter zum Bauern: Ur- und Frühgeschichte

Funde im Kanton St. Gallen und in Vorarlberg belegen die Anwesenheit von Menschen im Alpenrheintal ab der spätesten Altsteinzeit (ab etwa dem 11./10. Jahrtausend v.Chr.). Deren hauptsächliche Nahrungsquellen waren Fischerei und Jagd; im Kleinwalsertal (Vorarlberg) wurde bereits Bergbau betrieben (Radiolaritabbau). In Liechtenstein stammen die frühesten menschlichen Spuren aus der Jungsteinzeit (ab dem 5. Jahrtausend v.Chr.). Diese Menschen hatten den Übergang von der nomadisierenden Wildbeuter-Gesellschaft (Sammeln, Jagen, Fischen) zur sesshaften, bäuerlichen Bevölkerung bereits gemacht. Ihre Siedlungen befanden sich u.a. auf dem Lutzengüetle (Gamprin) und dem Borscht (Schellenberg) auf dem Eschnerberg. Obwohl hier Ackerbau sicher ab der Mitte des 5. Jahrtausend v.Chr. betrieben wurde, sind erst ab dem 4. Jahrtausend v.Chr. in mehreren liechtensteinischen Riedgebieten Getreidepollen nachgewiesen. Einblick in Viehzucht und Jagd seit dem 5. Jahrtausend v.Chr. geben Tierknochenfunde v.a. von den Siedlungen auf dem Borscht und dem Lutzengüetle.

Spuren frühen Handwerks sind in Form von Werkzeugen aus Stein und Knochen sowie Keramikgefässen ab der Jungsteinzeit erhalten. In der Bronzezeit (2200– 800 v.Chr.) und der Eisenzeit (800–15 v.Chr.) kommen dazu Metallgegenstände wie Nadeln, Armringe, Schwerter usw. Inwieweit diese Gegenstände vor Ort produziert wurden oder durch Tauschhandel ins Rheintal gelangten, ist im Einzelnen schwer zu belegen. Hinweise auf einheimische Produktion wie Werkzeugfunde (z.B. Spinnwirtel, Webgewichte und bronzezeitliche Tonspulen für die Textilherstellung), Gussformen (Borscht) oder Bronzeschlacken (Triesen) sind selten. In der Keramikproduktion entwickelte das Alpenrheintal eine Eigenständigkeit, welche die Archäologen zur Einführung eigener Typenbezeichnungen führte, etwa der nach dem Fundort in Eschen benannten eisenzeitliche «Schneller-Keramik».

Handelsbeziehungen lassen sich in dem für den alpenquerenden Durchgangsverkehr auf der Nord-Süd-Achse wichtigen Alpenrheintal ab der Jungsteinzeit belegen (z.B. Feuerstein aus Süddeutschland, Silex-Geräte aus Oberitalien). Sie intensivierten und erweiterten sich in der Bronze- und Eisenzeit wesentlich, wie z.B. eine in Oberriet-Montlingerberg (SG) gefundene, in Italien hergestellte Perlenkette aus Bernstein aus dem Baltikum zeigt (Bronzezeit). Noch aus vorrömischer Zeit stammen erste Hinweise auf überregionalen Geldverkehr; so findet sich unter den bislang ältesten liechtensteinischen Münzfunden in Balzers ein Quinar aus dem östlichen Mittelgallien aus dem späten 2. und 1. Jahrhundert v.Chr.

In der Römerzeit (15 v.Chr. bis 5. Jahrhundert n.Chr.) erfolgte eine Umstrukturierung der Landwirtschaft. Auf nach Selbstversorgung strebenden Gutshöfen freier Gutsbesitzer wurden Ackerbau und Viehzucht betrieben und nach Möglichkeit auch Gewerbeprodukte hergestellt. Die Bewirtschaftung dieser grossen Landgüter erfolgte vermutlich auch im Alpenrheintal durch unfreie Arbeiter, wozu jedoch lokale Quellen fehlen. In Liechtenstein wurden römische Villen (Gutshöfe) in Schaanwald, Mauren, Nendeln und Triesen entdeckt. Der Weinbau ist erst im Frühmittelalter belegt, gelangte aber möglicherweise schon in römischer Zeit ins Alpenrheintal. Die nun stärker staatlich gelenkte, auch auf militärische Zwecke ausgerichtete Wirtschaft profitierte u.a. vom Ausbau der Infrastruktur, etwa von der auf der liechtensteinischen Talseite verlaufenden römischen Staatsstrasse. Der Rhein dürfte damals bis Chur schiffbar gewesen sein. Eine Intensivierung des Handels war mit dem Aufschwung der Geldwirtschaft und dem Import von Luxusgütern wie römische Feinkeramik (→ Terra sigillata) oder Glasgeschirr verbunden. Nach einer wirtschaftlichen Blüte in der frühen Römerzeit dürfte die Entwicklung ab dem 3. Jahrhundert u.a durch die Alamanneneinfälle eine Dämpfung erfahren haben.

Unbelegt ist die vermutete Besitzkontinuität in Churrätien nach dem Zusammenbruch des römischen Reichs Ende des 5. Jahrhunderts. Gemäss dieser Annahme wäre das ehemalige römische Staatsgut in der Familienherrschaft der Victoriden aufgegangen und durch die Reformen Karls des Grossen 806 zu königlichem Reichsgut geworden. Die karolingischen Könige überliessen das nach 806 jedenfalls vergrösserte Reichsgut in Rätien den von ihnen eingesetzten Grafen als Amtsgut, das im 9./10. Jahrhundert unter den Hunfridingern und Udalrichingern erblich wurde.

Fabian Frommelt, Ulrike Mayr

Herrschaft und Genossenschaft: die gebundene Wirtschaft bis 1800

Durchgängiges Merkmal der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wirtschaft war deren herrschaftliche und genossenschaftliche Gebundenheit sowohl hinsichtlich der Agrarverfassung als auch des Gewerbes.

Die für Liechtenstein wohl wichtigste Wirtschaftsquelle des Frühmittelalters, das churrätische Reichsgutsurbar (um 842/43), zeigt eine auf der zweigeteilten Grundherrschaft beruhende Wirtschaftsorganisation, die dem Modell des Villikations- oder Fronhofsystems nahesteht. Als Grundherren sind der fränkische König und das königliche Eigenkloster Pfäfers belegt. In Schaan, Balzers und Mäls (oder Mels, SG) befanden sich grosse Fronhöfe des Königs (curtes dominicae), die einerseits eigenbewirtschaftetes Ackerland (terra dominica), Wiesen und Weingärten und andererseits mehrere abhängige Hufen (mansi) aufwiesen. Dazu kamen Alpen und Wald. Inwieweit die Inhaber der Hufen, also der an bäuerliche Kleinfamilien übertragenen Zinsgüter, auf dem Herrenland (Salland) Fronen zu leisten hatten, lässt sich nicht feststellen. Die Viehzucht und Ackerbau betreibenden Höfe dürften stark auf Subsistenzwirtschaft ausgerichtet gewesen sein. Über den Personenverband des Fronhofs finden sich keine näheren Angaben. Idealtypisch bildeten die zum Fronhof gehörenden Personen eine Hofgenossenschaft (familia), die das Weideland und evtl. die Alpen gemeinsam nutzte und auch eine kultische, auf die zum Hof gehörende, zehntberechtigte Kirche (→ Eigenkirche) ausgerichtete Gemeinschaft war. Ein weiterer Gutshof des 6./7. Jahrhunderts ist in Bendern archäologisch nachgewiesen. Über dessen Besitzer und andere frühmittelalteriche Grundherren sowie über die anzunehmende Existenz freier Bauern sind wir nicht unterrichtet.

Im Hochmittelalter erfolgte der Übergang zur Rentengrundherrschaft, bei der die Grundherren keine Eigenwirtschaft mehr betrieben, sondern den Bauern die Höfe samt Äckern und Wiesen gegen Entrichtung eines Zinses auf Dauer oder auf Zeit verliehen (→ Lehen). Als Grundherren traten einerseits die verschiedenen Grafengeschlechter in Nachfolge der Udalrichinger auf (Grafen von Bregenz, Montfort, Werdenberg usw.), welche die ehemaligen Königsgüter übernommen hatten, andererseits verschiedene Klöster (neben Pfäfers auch St. Luzi in Chur, St. Johann im Thurtal, die Johanniterkommende Feldkirch usw.). Ab dem 14. Jahrhundert ist Bodenbesitz von Feldkircher Stadtbürgern im städtischen Umland belegt, zu dem auch der Eschnerberg gehörte; teils liessen sie sich dort als sogenannte Ausbürger nieder.

Kennzeichen der herrschaftsgebundenen Wirtschaft des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit war die Belastung der Bauern mit einer Vielzahl unterschiedlicher Feudalabgaben, zu denen besonders die Grund- oder Lehenszinse und der Zehnt gehörten. Die in den landesherrlichen Urbaren des 16./17. Jahrhunderts verzeichnete Belastung mit Fronarbeit umfasste nur wenige Tage im Jahr, mag aber auf ältere, intensivere Fronverhältnisse zurückgehen. Herrschaftliche Regalien waren die Jagd und die Fischerei.

Die Umstellung der Grundherrschaft bedeutete das Ende der Hofgenossenschaften. Die Bauern fanden sich im Dorf oder in Weilern zu neuen Siedlungsgemeinschaften zusammen («Verdorfung») und sicherten sich das kollektiv-genossenschaftliche Nutzungsrecht an Allmende, Wald und Alp, also an den Bereichen ausserhalb der zur individuellen Nutzung verliehenen Feldflur. Die vollberechtigte Teilhabe an den entstehenden Dorf- und Alpgenossenschaften war für die Lebensfähigkeit einer Bauernstelle ebenso entscheidend wie die Ausstattung mit herrschaftlichem Lehensgut.

Grundsätzlich dominierte eine gemischtwirtschaftliche Nutzung, wobei naturräumliche Voraussetzungen unterschiedliche Gewichtungen bedingten: So herrschte im hoch gelegenen, zu Beginn des 14. Jahrhunderts im Zug des Landesausbaus durch die Walser erschlossenen Gebiet von Triesenberg und Planken die Viehzucht vor, während in den Talgemeinden Viehzucht, Acker- und Weinbau nebeneinander bestanden. Stützte sich die Viehwirtschaft in der Grafschaft Vaduz, wo im Spätmittelalter alle Dörfer in den Besitz ehemals herrschaftlicher Alpen gelangten, stark auf die Alpwirtschaft, erwarben die Bauern der Herrschaft Schellenberg nur teilweise und erst spät eigene Alpen in Vorarlberg. Die ausgedehnten Riedflächen im Unterland erlaubten aber eine bedeutendere Pferdehaltung als im Oberland.

Das Flursystem ist nicht im Detail untersucht. Auf den fruchtbaren Hangterrassen des Talrands und des Eschnerbergs herrschte wohl eine ungeregelte Feld-Graswirtschaft ohne Verzelgung der Feldflur vor. Mit Ackerbau dürfte teilweise auch in der überschwemmungsgefährdeten, aber über fruchtbares Schwemmland verfügenden Rheinebene zu rechnen sein. Schwerpunkte des Weinbaus waren Vaduz, Triesen, Mauren und Eschen. Weitere Sonderkulturen bildeten überall die im inneren Ortsbereich liegenden Gemüse- und Krautgärten sowie in den Talorten die Obstgärten. Auch die Gewerbepflanzen Hanf und Flachs wurden an geeigneten Stellen im ganzen Talraum angebaut, mit einem Schwergewicht im Unterland.

Ab dem 16. Jahrhundert mehren sich Hinweise auf landwirtschaftliche Intensivierungsbemühungen, die wohl im Zusammenhang mit Bevölkerungswachstum und ungünstiger Klimaentwicklung («Kleine Eiszeit») zu sehen sind. Auf der Allmende wurden individuell nutzbare Einschläge zugelassen und erste Stücke Gemeindebodens gingen ins Nutzungsrecht oder ins Eigentum der Gemeindegenossen über (Gemeindeteile). Durch Rodung von Auenwald wurden neue, durch Wuhre lokal vor dem Rhein geschützte Flächen gewonnen («Neugereut»-Güter) und mit den Heubergen die letzten, arbeitsintensiven Landreserven erschlossen. Mais und Kartoffeln drängten den Anbau der ertragsschwächeren, traditionellen Getreidesorten ab dem frühen bzw. mittleren 18. Jahrhundert allmählich zurück, erlangten aber erst im 19. Jahrhundert eine dominierende Stellung.

Herrschaftlichen Bindungen unterworfen war auch das Gewerbe. Tavernen (→ Gastgewerbe) und Mühlen – beide erstmals 842/43 in Balzers und Schaan belegt – wurden bis ins 19. Jahrhundert als Lehen vergeben bzw. bedurften einer obrigkeitlichen Bewilligung. Konzessions- und abgabepflichtig waren Wasserkraft nutzende Betriebe wie die ab dem 15. Jahrhundert belegten Schmieden und Sägereien, zudem der Gipsabbau, das Salpetergraben usw. Zudem bestand der Mühlenzwang. Zu den herrschaftlichen Regalien gehörte auch der Bergbau, der in Liechtenstein aber nie Bedeutung erlangte. Den dörflich-bäuerlichen Bedarf deckende Gewerbe wie die Zimmerei, Wagnerei, Sattlerei, Seilerei, Küferei, Gerberei, Schuhmacherei usw. waren frei ausübbar – im städtelosen Liechtenstein entwickelte sich kein Zunftgewerbe – und wurden meist nur in Ergänzung zu einer kleinen Landwirtschaft betrieben. Kleine Gewerbegebiete entstanden an durch nutzbare Wasserkraft begünstigten Standorten wie dem Mühleholz, in Triesen oder Nendeln. Einziges Gewerbe mit genossenschaftlichen Bindungen war das Transportgewerbe: Bäuerliche Rodgenossenschaften mit genauen Zulassungsvorschriften und eigenen Leitungsorganen (Teileramt) besorgten den Warenverkehr auf der Strecke Feldkirch–Maienfeld.

Eine merkantilistische Wirtschaftspolitik lässt sich für Liechtenstein im 17./18. Jahrhundert nicht ausmachen; dafür fehlten auch die politischen Voraussetzungen. Weder wurden Manufakturen errichtet noch ist – im Gegensatz zu St. Gallen und Vorarlberg – eine Beteiligung an protoindustriellen Wirtschaftsformen (Heimarbeit im Verlagssystem) bekannt. Allerdings fehlen einschlägige Untersuchungen. Merkantilistischem Denken zugeordnet werden können allenfalls Einzelmassnahmen wie die wiederholten und erfolglosen Versuche, das der Gemeinde Vaduz 1592 verliehene Marktrecht im 18. Jahrhundert zu beleben, der Schutz der heimischen Wirtschaft durch Importerschwernisse für ausländischen Wein und Brot (1719) oder der Betrieb einer herrschaftlichen Ziegelei in Nendeln ab Mitte 18. Jahrhundert.

Zu den Lebensbedingungen unterbäuerlicher Schichten, die wie die sogenannten Hintersassen an der genossenschaftlichen Nutzung von Allmende, Wald und Alp nicht oder nur minderberechtigt beteiligt waren, liegen kaum Kenntnisse vor. Tagelöhnerei und Handwerke wie die Schuh- oder Rechenmacherei mögen zusammen mit Kleinviehhaltung eine unsichere Existenz geboten haben. Einzelne Personen betätigten sich in der Köhlerei, als Wurzelgraber, Asche- oder Lumpensammler und standen damit dem im 17. und 18. Jahrhundert stärker reglementierten und verfolgten Bettelwesen nahe. Einige suchten in der frühen Neuzeit ihr Auskommen als Söldner in fremden Diensten.

Als Krisenzeit gilt gemeinhin das 17. Jahrhundert, in dem die Klimaverschlechterung, die Pest, der Dreissigjährige Krieg, die Hexenverfolgungen und die sich auf Bürgschaften der Untertanen stützende, enorme Verschuldung der Hohenemser Grafen ein von Unsicherheit geprägtes, wirtschaftswidriges Umfeld schufen. Insgesamt ist bis ins 19. Jahrhundert hinein mit einer weitgehend auf die Selbstversorgung ausgerichteten Agrarwirtschaft mit nur marginalem Gewerbe und geringer Marktorientierung zu rechnen. War in guten Jahren der Absatz von Überschüssen an Wein und Vieh auf regionalen Märkten möglich, wurde das Land noch im 19. Jahrhundert in wetter- oder kriegsbedingten Fehljahren von Hungersnöten heimgesucht.

Landwirtschaftsreform und erste Industrialisierung: 1800–1924

Im 19. Jahrhundert erfolgte ein tief greifender Wandel der während der vorangehenden Jahrhunderte insgesamt eher statischen wirtschaftlichen Verhältnisse. Zentraler Wirtschaftsbereich blieb die Landwirtschaft, die nun eine bewusst geplante, staatlich geförderte Modernisierung erlebte. Die sich mit einiger Verspätung auf die europäische, aber auch auf die ostschweizerische und vorarlbergische Entwicklung erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ansiedelnde Fabrikindustrie erlangte eine beachtliche Bedeutung, wurde aber erst im 20. Jahrhundert zu einem tragenden Pfeiler der liechtensteinischen Volkswirtschaft. Zukunftsträchtig, hinsichtlich von Beschäftigung und Erwerb aber noch nahezu bedeutungslos waren die ersten modernen Dienstleistungsbetriebe.

Zum strukturellen Problem einer (bescheiden) wachsenden Bevölkerung bei stagnierender landwirtschaftlicher Ertragsfähigkeit kamen an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die Krisenjahre der Koalitionskriege (1792–1809) hinzu. Starke Verschuldung, steigende finanzielle Verpflichtungen im Rahmen des Rheinbunds und später des Deutschen Bunds sowie eine unsichere Ernährungslage (noch 1816/17 und 1846/47 kam es zu Hungerkrisen) erhöhten den Reformdruck.

Ein in den Dienstinstruktionen für Landvogt Josef Schuppler 1808 festgehaltenes Reformprogramm zielte besonders auf die Befreiung der Landwirtschaft von ihren genossenschaftlichen Bindungen und die Auflösung der in Gemeinbesitz stehenden Allmende (Bodenreform). In einem mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmenden, bei der Bevölkerung teilweise auf Widerstand stossenden und mit Konflikten in den Gemeinden verbundenen Vorgang wurde das genossenschaftlich extensiv genutzte Weideland im Talraum fast vollständig an die hausbesitzenden Gemeindebürger zur privaten Nutzung ausgeteilt – teils als Eigentum, teils im Nutzungsrecht. Ein 1806 erlassenes Hausbauverbot beschränkte die Zahl der von der Austeilung begünstigten Bürgerhaushalte. Zusammen mit einem ebenfalls 1806 eingeführten Verbot der Güterzerstückelung sollte es die durch das Realteilungserbrecht bedingte, extreme Parzellierung reduzieren und die Bewirtschaftung rationeller machen. Das 1809 geschaffene Grundbuch sicherte die Eigentumsrechte. Nach der um 1850 weitgehend abgeschlossenen Bodenausteilung blieben je nach Gemeinde nur noch kleinere Allmendreste übrig. Die Besitzer der alten Häuser hatten von den Austeilungen ins Eigentum stark profitiert, während nach der Aufhebung des Bauverbots in den 1840er Jahren die «Neubäuler» sich bloss um «fällige», d.h. im Nutzungsrecht abgegebene Teile bewerben konnten.

Mit der Privatisierung – zu der auch die Ablösung des Atzungsrechts auf Privat- und Gemeindeböden ab 1843 gehörte – war eine intensivere Nutzung der ehemaligen «Gemeinheiten» eingeleitet. Zusammen mit der Entwässerung der teilweise versumpften Talebene in den 1830er bis 60er Jahren ermöglichte sie eine Ausdehnung des Feldbaus und den Übergang von der Weidewirtschaft zur Stallfütterung, verbunden mit vermehrtem Futterpflanzenanbau (Klee) und intensiverer Düngung. Mais- und Kartoffelanbau wurden im 19. Jahrhundert zur Grundlage der Ernährung, während v.a. Vieh, Wein und Obst exportiert werden konnten. Ab den 1860er Jahren stieg mit der Zunahme der sich nicht selbst mit Milch versorgenden Bevölkerungsteile die Bedeutung der Milchwirtschaft, was sich in der Gründung von Sennereigenossenschaften und Dorfsennereien niederschlug. In die Privatisierung nicht einbezogen wurden der Wald und die Alpen. Das Alpgesetz von 1867 leitete eine Modernisierung der Alpwirtschaft ein, die in der Folge einen qualitativen Aufschwung erfuhr.

Wurden die Massnahmen zur Beseitigung der genossenschaftlichen Bindungen von der Obrigkeit eifrig gefördert, musste die Bevölkerung um die Befreiung von den herrschaftlichen Belastungen jahrzehntelang kämpfen: Erst im Revolutionsjahr 1848 wurden Fronen, Novalzehnt und Mühlenzwang abgeschafft. Die Beseitigung der auf Äckern und Feldern lastenden Grund- und Erblehenszinse wurde 1859 gegen Entschädigung ermöglicht und bis Ende der 1860er Jahre abgeschlossen. 1864 wurde auch der Zehnt für ablösbar erklärt (→ Bauernbefreiung).

Von zentraler Bedeutung war der 1852 mit Österreich geschlossene Zoll- und Steuervertrag. Er beendete die zollpolitische Isolation Liechtensteins, wie sie besonders seit der Einführung des Grenzzollsystems am Jahrhundertbeginn bestanden hatte (→ Zollwesen). Erleichtert wurde dadurch u.a. die Ausfuhr von Vieh und Wein. Der Weinbau geriet allerdings durch Rebkrankheiten und die verschärfte Konkurrenz österreichischer Weine nach der Eröffnung der Arlbergbahn 1871 in eine Krise und wurde gegen das Jahrhundertende weitgehend aufgegeben.

Die Förderung des produzierenden Sektors wurde in den Dienstinstruktionen von 1808 nur am Rand behandelt. Diesbezügliche Massnahmen fehlten in der ersten Jahrhunderthälfte denn auch fast völlig. Privater Initiative zu verdanken waren eine 1798 errichtete und bis in die 1860er Jahre betriebene, exportorientierte Gipsmühle im Möliholz sowie eine 1836 in Nendeln errichtete Hafnerei, die Ofenkacheln und Drainageröhren aus Ton produzierte (→ Keramik Werkstatt Schaedler AG). Ab den 1840er Jahren erlangte die im Auftrag von St. Galler Unternehmern im Akkordlohn betriebene Handstickerei Bedeutung (Heimindustrie). Sie wurde in den 1860er Jahren durch die immer noch in Heimarbeit ausgeführte Maschinenstickerei abgelöst (→ Textilproduktion und -verarbeitung).

Insgesamt aber hemmte in der ersten Jahrhunderthälfte die zollpolitische Isolation das Aufkommen der Industrie, obwohl in Liechtenstein kaum genutzte Wasserkraftressourcen vorhanden waren. Erst als der Abschluss des Zollvertrags mit Österreich 1852 den Zugang zum riesigen Absatzmarkt der Habsburgermonarchie öffnete, wurde das Land v.a. für Schweizer Industrielle attraktiv: Nach einigen gescheiterten Gründungsversuchen in den 1850er Jahren entstand 1861 mit der Baumwollweberei im oberen Möliholz (Vaduz) die erste liechtensteinische Fabrik (→ Industrialisierung). 1863 folgte eine Weberei in Triesen, 1865 eine weitere Weberei im unteren Möliholz und 1882/83 eine Baumwollspinnerei im Vaduzer Ebenholz. Bis nach dem Ersten Weltkrieg blieb die Textilindustrie der einzige, allerdings erfolgreiche Industriezweig: 1912 beschäftigten die liechtensteinischen Fabriken insgesamt 747 vorab weibliche Arbeitskräfte. Zusammen mit der Heimindustrie waren es vor 1914 über 1000 Beschäftigte.

Wie die Industrie profitierte der gegen das Jahrhundertende aufkommende Tourismus von der Anbindung Liechtensteins an die Eisenbahn von 1872. Besonders das liechtensteinische Berggebiet mit seinen ab den 1870er Jahren entstandenen Kurhäusern (Luft- und Molkenkuren) entwickelte sich zum Anziehungspunkt für den Fremdenverkehr.

Neben dem Zollvertrag trugen auch die freiheitlichere Verfassung von 1862 und die auf weitgehender Gewerbefreiheit beruhende erste Gewerbeordnung von 1865 zum wirtschaftlichen Aufschwung der zweiten Jahrhunderthälfte bei. 1863 und erneut 1895 präsentierten sich die liechtensteinische Landwirtschaft und das Gewerbe auf Landesausstellungen. 1873 entstand ein privater Viehversicherungsverein und 1885, nach einer fehlgeschlagenen ersten Gründung 1862, organisierte sich die liechtensteinische Bauernschaft in einem rege tätigen landwirtschaftlichen Verein. Während im gewerblichen Bereich noch keine Interessenverbände entstanden, schloss sich Liechtenstein um 1898 dem Vorarlberger Fremdenverkehrsverband an. Durch die Befriedigung der Spar- und Kreditbedürfnisse (→ Kredit) förderte die 1862 gegründete «Zins- und Credit-Landes-Anstalt» die wirtschaftliche Entwicklung (später «Spar- und Leihkasse», seit 1955 Liechtensteinische Landesbank).

Die Lebensmittelversorgung war in der zweiten Jahrhunderthälfte dank einer Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion und Nahrungsmittelimporten gesichert. Trotz der aufkommenden Industrie bot das Land aber nicht genügend Arbeitsplätze: Viele Männer und Frauen suchten als Saisonarbeiter/-innen in der Schweiz, Deutschland oder Frankreich einen zeitweiligen Verdienst. Auch Kinder wurden über den Sommer nach Süddeutschland verdingt (→ Schwabenkinder) – ein Zeichen der noch immer verbreiteten Armut. Ab 1844 suchten zudem viele Liechtensteiner ihr Glück in der Auswanderung in die USA.

Die relative Wirtschaftsblüte ab den 1860er Jahren wurde durch den Ersten Weltkrieg gestoppt: Aufgrund der engen Verbindung zu Österreich-Ungarn fiel Liechtenstein unter die Rohstoffsperre der Entente. Wegen Baumwollmangel stellten alle Fabriken 1916/17 den Betrieb ein. Die Hyperinflation der österreichischen Krone vernichtete die Bankguthaben in dem zum österreichischen Währungsraum gehörenden Liechtenstein, was neben den Privaten auch den Staat in eine tiefe Finanzkrise stürzte. 1919 kündigte Liechtenstein die Zollunion mit Österreich.

Nach dem Krieg nahmen die Weberei in Triesen und die Spinnerei in Vaduz die Produktion wieder auf. 1920 entstand mit der Bank in Liechtenstein (BiL) ein zweites Geldinstitut, das, im Gegensatz zur älteren Sparkassa, auf das internationale Holdinggeschäft, das Gesellschaftswesen und Börsengeschäfte ausgerichtet war. Die BiL wies – zusammen mit dem neuen Zollvertrag mit der Schweiz (1923), der Einführung des Schweizer Frankens als offizielles Zahlungsmittel (1924), dem für Holding- und Domizilgesellschaften attraktiven Steuergesetz (1923) und dem Personen- und Gesellschaftsrecht (PGR, 1926/28) – der weiteren Entwicklung den Weg.

Fabian Frommelt

Vom Agrarstaat zum Industrie- und Dienstleistungsstandort: 1924 bis heute

Auf den ersten Blick ist die neuere liechtensteinische Wirtschaftsgeschichte eine reine Erfolgsgeschichte. In wenigen Jahrzehnten wurde aus dem ärmlichen Agrarstaat ein Industrie- und dann ein prosperierender Dienstleistungsstandort. Auf den zweiten Blick werden auch die Kosten des Wachstums sichtbar: Landschaftsverbrauch und Umweltbelastung, Zerfall traditioneller Werte, hohe Bodenpreise und starke Abhängigkeit vom Ausland, sei es beim Absatz, bei der Beschäftigung oder bei der Infrastruktur. Noch in den 1920er Jahren war die Wertschöpfung Liechtensteins pro Kopf der Bevölkerung rund 30 % niedriger als im Nachbarland Schweiz. In der ersten Hälfte der 1960er Jahre verwandelte sich dieser Rückstand in einen Vorsprung. Im Jahr 2000 war die liechtensteinische Produktionsleistung pro Kopf 30 % höher als die im internationalen Vergleich ebenfalls herausragende schweizerische. In den letzten Jahrzehnten erzielte die liechtensteinische Wirtschaft jährliche Wachstumsraten, die weit über denen anderer Länder lagen: 7 % in den 1940er, 50er und 60er Jahren, 3–4 % in den 1970er und 80er Jahren, 5 % in den 1990er Jahren. Um 1942 setzten drei bis zum Konjunktureinbruch 1973/74 dauernde «goldene» Jahrzehnte ein. Inflationsbereinigt verdiente der durchschnittliche Steuerpflichtige 1966 etwa dreimal so viel wie 1942. Gleichwohl war und ist die liechtensteinische Wirtschaft als Ganzes im Konzert der kleinen und grossen Staaten dieser Welt ein Zwerg (→ Volkseinkommen).

Die in der Zwischenkriegszeit und bis in die ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs herrschende Arbeitslosigkeit zwang viele Liechtensteiner zur Arbeitssuche im Ausland (→ Saisonniers). Mittlerweile ist die Situation umgekehrt. Als regionaler Wachstumspol zieht Liechtenstein viele Arbeitskräfte aus der Umgebung an. 1941 gab es in Liechtenstein 4161 Beschäftigte; 2008 waren es mit 33 600 Beschäftigten achtmal mehr. Die Wohnbevölkerung wuchs in der gleichen Zeit nur um den Faktor 3,2. Das Land zählt mittlerweile fast so viele Arbeitsplätze wie Einwohner. Es kamen einerseits ausländische Arbeitskräfte, die besser ausgebildet waren als die Einheimischen, andererseits solche, die schlechter qualifiziert waren (Über- bzw. Unterschichtung). Am Arbeitsplatz sind die Einheimischen seit den späten 1960er Jahren in der Minderheit. Heute besitzen zwei von drei Arbeitskräften einen ausländischen Pass. Ab 1962 beschränkte Liechtenstein die Niederlassung von Ausländern. Deshalb wurden die Grenzgänger wichtig. Die meisten ausländischen Arbeitskräfte sind heute Pendler aus Österreich und der Schweiz. Das Austrocknen des Arbeitsmarkts in den 1960er Jahren zwang die liechtensteinische Industrie dazu, ihre Produktion zu rationalisieren und Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. 2003 beschäftigte die liechtensteinische Industrie im Inland 7700 Personen, im Ausland hingegen 26 900. Im Inland verblieben v.a. Tätigkeiten ausserhalb der Produktion (→ Forschung und Entwicklung, Management, Vertrieb).

Das phänomenale Wachstum ging Hand in Hand mit einem völligen Umbau der Wirtschaftsstruktur. Die Landwirtschaft, welche die liechtensteinische Wirtschaft bis in die 1940er Jahre geprägt hatte, wurde zu einem Randphänomen. An ihre Stelle traten zwei andere Sektoren: die Industrie und die Finanzdienstleistungen. Auf die Industrie und das warenproduzierende Gewerbe entfielen 2006 44 % der 31 074 Arbeitsplätze, auf die allgemeinen Dienstleistungen, das Gesundheits- und Sozialwesen, die öffentliche Verwaltung usw. 40 % (→ Dienstleistungssektor). Der weit bekanntere Finanzplatz (→ Banken, → Treuhandwesen, → Versicherungen, Investmentunternehmen/Anlagefonds) beschäftigte nur 15 % aller Erwerbstätigen. Diese wenigen Beschäftigten waren (und sind) aber ungemein produktiv: sie erwirtschaften rund einen Drittel der gesamten Wertschöpfung Liechtensteins.

Noch in der Zwischenkriegszeit besass Liechtenstein einen kleinbäuerlich-handwerklichen Charakter. Die Landwirtschaft war wichtiger als in den Gebieten ringsum, der Viehhandel fast der einzige Devisenbringer. Es fehlte ein unternehmerisch tätiges, städtisches Bürgertum. Die im 19. Jahrhundert gegründeten Textilfabriken litten nach dem Ersten Weltkrieg unter dem Verlust ihrer Absatzgebiete in Österreich-Ungarn und unter der Neuausrichtung Liechtensteins auf die Schweiz durch den Zollanschlussvertrag von 1923 und die Einführung des Schweizer Frankens 1924. In den 1920er Jahren gelang die Sanierung der öffentlichen Haushalte, die mit dem Zusammenbruch der österreichischen Kronenwährung vor dem Kollaps gestanden hatten. Liechtensteinische Politiker wie Wilhelm Beck und ausländische Experten wie Julius Landmann schufen mit einem neuen Steuersystem (1923) und einem neuen Personen- und Gesellschaftsrecht (1926/28) die Grundlage für den Finanzplatz. Diese Anreize lockten ausländisch beherrschte Sitzunternehmen nach Liechtenstein, die ihre Kapitalien in das sicher scheinende Land brachten. Die von ihnen entrichteten Steuern, aber auch die an ausländische Sammler verkauften Briefmarken (→ Philatelie) sowie lukrative Einbürgerungen reicher Ausländer (→ Finanzeinbürgerungen) sorgten dafür, dass der Staat selbst in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre Einnahmen hatte. Das Fürstenhaus half mit Millionenzuschüssen über Schwierigkeiten hinweg (Rheinüberschwemmung 1927, Sparkassaskandal 1928), was zur langfristigen Stabilisierung der Monarchie beigetragen haben dürfte.

In den 1930er und 40er Jahren kam die zweite Industrialisierungswelle in Gang. Sie brachte eine Abkehr von der Textilindustrie, in der v.a. Frauen gearbeitet hatten, und einen Aufschwung der Metall-, Maschinen- und Apparateindustrie. Hinter den Gründungen standen sowohl ausländische Unternehmer (Ramco, Schekolin, Presta, PAV, Contina, Gerätebau-Anstalt Balzers) als auch einheimische (Scana, Maschinenbau Hilti, Hovalwerk). Die ab 1941 entstehende, ganz oder grösstenteils für den deutschen Kriegsbedarf produzierende liechtensteinische Metallindustrie (Presta, Maschinenbau Hilti, PAV) profitierte von der Kriegskonjunktur des Zweiten Weltkriegs. Nach 1950 entstanden nur noch wenige Industriebetriebe, die zu überregionaler Bedeutung aufstiegen. Die Industrie hatte mit der Schweiz einen aufnahmefähigen Erstmarkt vor der Tür: 1951 gingen 70 % der Industrieexporte in die Schweiz, 2003 nur mehr 13 % (→ Aussenwirtschaft). In den 1950er Jahren erzielte die Industrie die höchsten Wachstumsraten.

Der liechtensteinische Finanzplatz nahm in der NS-Zeit eine gewisse Drehscheibenfunktion bei der Abwicklung problematischer Geschäfte mit Deutschland ein, allerdings in sehr bescheidenem Umfang. Ab den 1960er Jahren stellte er vermehrt Arbeitsplätze zur Verfügung und wurde in den 1980er Jahren zum Wachstumsmotor der liechtensteinischen Wirtschaft. Die Zahl der Sitzunternehmen wuchs von 1000 (1945) über 10 000 (1963), 53 000 (1983) auf 84 000 (2000). Die Vorschriften zum Fernhalten krimineller Gelder, die ab 1963 auf ausländischen Druck eingeführt wurden, taten den Standortvorteilen des Finanzplatzes keinen Abbruch.

Vom Aufschwung mitgerissen wurden auch traditionelle Branchen, ausser wenn sie sich – wie einzelne Handwerke – gegen den Strom der Modernisierung stemmen konnten. Das Gewerbe war stark protektionistisch organisiert. Wo der Protektionismus wegen der offenen Grenze zur Schweiz nicht funktionierte, war man dem Wettbewerbsdruck oft nicht gewachsen, z.B. im Kleinhandel. Eine überproportional starke Stellung hatte das in Liechtenstein traditionell wichtige Baugewerbe. Es profitierte von der durch eine laxe Raumplanung ermöglichten Zersiedlung. Wie der öffentliche Sektor war das Baugewerbe eine Domäne der Einheimischen. Auch in den Branchen, in denen v.a. Ausländer arbeiteten, blieben die Schlüsselpositionen in der Regel in den Händen Einheimischer.

Der wirtschaftliche Aufschwung Liechtensteins startete auf einem tiefen Niveau. Er ging schnell vonstatten und hatte den Charakter einer nachholenden Modernisierung. Ausgesprochen stimulierend und für Investoren attraktiv wirkten die innen- und aussenpolitische Stabilität des Landes, die Verbindung mit der erfolgreichen, neutralen Schweiz, das kooperative Verhalten der Arbeitnehmervertretungen sowie die sozialkonservative Einstellung der Bevölkerung. Bis in die 1960er Jahre hinein gab es ausserdem ausreichend billige Arbeitskräfte. Für den überdurchschnittlichen Wirtschaftserfolg mit verantwortlich waren zwei Gründe, die direkt mit der Staatlichkeit Liechtensteins und mit dessen Kleinheit zu tun hatten: das Outsourcing staatlicher Aufgaben und die Kommerzialisierung der Souveränität. Der Kleinstaat Liechtenstein konnte eine Reihe öffentlicher Aufgaben zu günstigen Konditionen an seine Nachbarstaaten auslagern, so in den Bereichen Sicherheit, Währung, Verkehr, Energie, Bildung und Gesundheit. Ausserdem nutzte Liechtenstein im Rahmen des internationalen Standortwettbewerbs die wirtschaftlichen Möglichkeiten souveräner Staaten: Seine Steuerhoheit ermöglichte es ihm, aus der Verwaltung ausländischer Vermögens eine Art Schlüsselsektor aufzubauen; bis in die 1940er Jahre trugen bedeutende Einnahmen aus Einbürgerungsgebühren wesentlich zu den Staatsfinanzen bei, ebenso bis um 1970 der Briefmarkenverkauf an Ausländer.

Die weltweite Wirtschaftskrise, die 2007 mit Turbulenzen auf den Finanzmärkten begann, traf auch Liechtenstein. Namentlich der Finanzplatz macht gegenwärtig unter dem Druck des internationalen Steuerkonformitätstrends einen tief greifenden Wandel durch. In rascher Folge schloss Liechtenstein besonders seit 2009 Steuerinformationsaustauch- und Doppelbesteuerungsabkommen mit einer ganzen Reihe von Staaten.

Christoph Maria Merki

Quellen

LUB I, LUB II; Statistiken und Publikationen des Amtes für Volkswirtschaft.

Literatur

Schnetzler: Wirtschaftsstruktur, 1966; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972; E. Schafhauser: Ein Stück liechtensteinische Wirtschaftsgeschichte, in: JBL 79 (1979), 151–193; Vogt: Brücken, 1990; Fabriklerleben, 1994; Geiger et al.: NS-Zeit, 2005; S. Grüninger: Grundherrschaft im frühmittelalterlichen Churrätien, 2006; Merki: Wirtschaftswunder, 2007; Das Alpenrheintal, archäologie schweiz 31, 2008, H. 2.

Medien

Liechtensteins Wirtschaftskraft im Vergleich mit der Schweiz, 1924-2000
Erwerbstätige nach Wirtschaftssektoren in Prozent, 1930-2010
Bruttowertschöpfung nach Wirtschaftsbereichen in Prozent, 2009

Zitierweise

Fabian Frommelt, Ulrike Mayr, Christoph Maria Merki, «Wirtschaft», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Wirtschaft, abgerufen am 17.2.2019.