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Wohnen

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Autoren: Julia Frick, Fabian Frommelt | Stand: 31.12.2011

Wohnen ist ein elementares menschliches Grundbedürfnis, das auch die Befriedigung anderer Lebensbedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen, Körperpflege usw. ermöglicht. Eine Wohnstätte bot seit der Urzeit Schutz vor Kälte, Feinden und wilden Tieren und erleichterte die Aufbewahrung der Nahrungsmittel und die Speisezubereitung. Zudem erwuchs ihr Bedeutung für Arbeit und Freizeit, Geselligkeit und Repräsentation, Intimität und Privatsphäre.

Einblick in historische Wohnformen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Liechtenstein geben Wohnmuseen wie das Biedermann-Haus in Schellenberg und das Walser Heimatmuseum in Triesenberg sowie das Liechtensteinische Landesmuseum in Vaduz.

Urgeschichte bis Römerzeit

In der Alt- und Mittelsteinzeit (bis ca. 6000 v.Chr.) benutzten die nomadisierenden Jäger und Sammler Höhlen und nischenartige Felsdächer als Wohnraum; entsprechende Funde stammen z.B. vom unweit von Liechtenstein gelegenen Wildkirchli (AI). Häufiger waren zeltartige Konstruktionen aus Holz, Fellen, Tierhäuten oder Rutenflechtwerk. Im Gebiet des heutigen Liechtenstein vernichteten die Gletscher der letzten Eiszeit eventuelle Zeugnisse einer menschlichen Anwesenheit in dieser Zeit.

Erste, aus der mittleren Jungsteinzeit (zwischen 4700 und 4000 v.Chr.) stammende Siedlungsspuren in Liechtenstein finden sich am Eschnerberg (→ Land Liechtenstein). Die bereits bäuerlich lebenden, sesshaften Menschen wohnten in aus Holz und Lehmflechtwerk konstruierten Häusern in Pfostenbauweise mit Feuerstelle; dazu kamen Backöfen und Speicherbauten zur Lagerung des Ernteguts. Die Häuser boten als Allzweckgebäude auch Raum für Handwerk und Kleinviehhaltung. In Liechtenstein finden sich rudimentäre Hinweise auf solche in der Schweiz und in Süddeutschland besser belegten Dorfsiedlungen auf dem Borscht und auf dem Lutzengüetle; dokumentiert sind Pfostenlöcher, Steinsetzungen, Gruben und Herdstellen, aber keine vollständigen Hausgrundrisse. Dass die in der Bronzezeit (2200–800 v.Chr.) aufkommende Ständer- und Blockbauweise auch in den liechtensteinischen Siedlungen (→ Borscht, → Schneller, → Malanser, → Lutzengüetle) zur Anwendung kam, ist anzunehmen. In der Eisenzeit (800–15 v.Chr.) wurden zusätzlich talnahe Terrassen z.B. in Nendeln, Triesen und Balzers besiedelt; Hausgrundrissfragmente sind am Runden Büchel in Balzers dokumentiert.

In der Römerzeit (1.–5. Jahrhundert n.Chr.) errichtete die Oberschicht Gutshofanlagen (villae rusticae) mit gemörtelten Steinhäusern; der Grossteil der römischen und der eingesessenen keltisch-rätischen Bevölkerung wohnte weiterhin in Holzhäusern. Römische Villen wie in Schaanwald, Nendeln oder Mauren sowie Gebäude in Kastellen wie in Schaan verfügten über einen hohen Wohnstandard, so u.a. über Mörtelfussböden und Tonziegeldächer, Fenster mit Glasscheiben und Eisengittern, Hypokaust-Fussbodenheizungen, Baderäume und Abwasserableitungen.

Mittelalter und frühe Neuzeit

Über die Wohnverhältnisse im frühen und hohen Mittelalter liegen für Liechtenstein kaum Kenntnisse vor. Das Ende der römischen Herrschaft im 5. Jahrhundert n.Chr. brachte wohl einen Einbruch der Wohnkultur bei der verbliebenen rätoromanischen Bevölkerung. Die einwandernden Alamannen lebten typischerweise in weilerartig angelegten Höfen mit als Einraumhaus konzipierten Holzbauten in Pfostenbauweise, einzeln stehenden Ställen und Speichern und als Grubenhütten errichteten Koch-, Back- und Badegebäuden. Von den alamannischen Siedlern in Schaan, Eschen und Balzers wurden bislang nur Gräber, aber keine Gebäudespuren gefunden. Auf dem Kirchhügel Bendern befand sich im 6. Jahrhundert ein grosses Steingebäude mit unklarer Funktion (fränkischer Herrenhof?).

Das Haus galt im Mittelalter als geschützter Friedensbereich. Der Haushalt bzw. die Hausgemeinschaft inkl. Gesinde standen unter der hausväterlichen Gewalt; die Hausfrau war die Herrin über das häusliche Leben. Der Besitz einer Hofstätte berechtigte zur Teilhabe am Gemeindenutzen (Allmende usw.). Das bäuerliche Haus zählte bei den Schupflehen (→ Lehen) zur Fahrhabe, wurde also beim Wohnortwechsel abgebrochen und am neuen Standort wieder aufgerichtet.

Ab dem Hoch-/Spätmittelalter wird eine Diversifizierung der Wohnbauten fassbar, in welcher sich auch soziale Unterschiede spiegeln: Grössere und kleinere Burgen zeugen von der Wohnkultur des Adels, Wohntürme sind vermutlich mit der Ministerialität oder der oberbäuerlichen Führungsschicht in Zusammenhang zu bringen. Hinzu kommen ab dem 16. Jahrhundert einzelne auch der Repräsentation dienende Amts- und Wohngebäude der herrschaftlichen Verwaltung (→ Verweserhaus, → Rheinbergerhaus, → Gamanderhof), der auswärtigen Klöster und des Klerus, z.B. das Rote Haus in Vaduz oder die Pfarr- und Kaplaneihäuser in Vaduz, Bendern und Eschen. In der bis ins späte 19. Jahrhundert rein agrarische Gesellschaft dominierte jedoch das Bauernhaus. Zu unterschiedlichen Wohnverhältnissen ober- und unterbäuerlicher Gruppen liegen kaum Erkenntnisse vor. Immerhin ist auf einzelne Komplexe mit z.T. grossen Steinhäusern hinzuweisen, so etwa auf das spätmittelalterliche Höfle in der Gemeinde Balzers und die ab dem 18. Jahrhundert in Stein gebauten Winzerhäuser im Vaduzer Oberdorf. Vorherrschend war aber bis ins frühe 20. Jahrhundert das zweigeschossige, unterkellerte Holzhaus oder Holz-Stein-Haus (z.B. mit gemauerter Küche). Die funktionale Dreiteilung des Erdgeschosses in Küche, Stube und Nebenstube mit Kammern im Obergeschoss setzte sich im Spätmittelalter durch; noch lange war aber die Zuteilung verschiedener Schlafkammern an Eltern und Kinder, Knechte und Mägde sowie die Trennung nach Geschlecht nicht selbstverständlich.

Die Einrichtung der Bauernhäuser blieb bis ins 19. Jahrhundert bescheiden: Zentrum des Hauses war die ursprünglich bis zum Dach offene Küche mit dem offenen, ebenerdig liegenden Herdfeuer. Auf ihm wurde gekocht, zusätzlich spendete es Licht und Wärme. Ab dem ausgehenden 17. Jahrhundert erschienen erste Eisenherde; Rauchfänge führten nun den Rauch aus Herd und Stubenofen durch die eingebaute Küchendecke ins Obergeschoss. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entstanden bis über das Dach reichende, geschlossene Kaminanlagen. Im Bauernhaus fanden Kachelöfen seit dem 15. Jahrhundert allgemeine Verbreitung, während bei der Unteren Burg Schellenberg Ofenkacheln schon aus dem 13. Jahrhundert gefunden wurden. Mit Ofenbank versehen und mit einer Seite in die Nebenkammer reichend, wertete der Ofen im Winter die Wohnqualität von Stube und Kammer auf. Mit Butzenscheibenfenstern ist hierzulande an ländlichen Bauten ab dem 15. Jahrhundert in den Stuben und ab dem 16./17. Jahrhundert in den Kammern zu rechnen; vorher standen die Fenster offen oder waren mit Schweinsblasen, ölgetränktem Tuch oder Pergament bespannt und mit Holzläden geschlossen. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lösten lichtdurchlässigere Sprossenfenster die Butzenscheiben ab.

Zur Ausstattung des Bauernhauses gehörten einfache, aus Holz gefertigte Möbel wie Tische, Stühle, Bänke, Kästen und Betten. Einfache Küchengerätschaften und Gefässe erleichterten die Arbeit: Kupfergelten für das Wasser, Eisenpfannen, Pfannenknecht, Kartoffelstampfe usw. Die (im Vergleich zu heute sehr niedrigen) Stuben und Kammern dienten auch als Arbeitsräume; hier wurde am Spinnrad oder Webstuhl gearbeitet und besonders ab dem Aufkommen der protoindustriellen Heimarbeit in den 1840er Jahren auch gestickt. Ausdruck der Frömmigkeit und einfacher Schmuck war der als sakraler Schutz gedachte «Herrgottswinkel» mit Kruzifix und Heiligenbildern in der getäferten Stube, dem Ort von Geselligkeit und Repräsentation. Der Beleuchtung dienten v.a. Talg- und Öllichter; Kerzen waren teuer. Verbesserungen brachten im 19. Jahrhundert die Stearinkerzen und ab ca. 1870 die Petroleumlampen. Geschlafen wurde bis Mitte des 20. Jahrhunderts auf Laubsäcken, die Betten wurden oft von mehreren Personen zugleich benutzt.

19. und 20. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert entstanden erste als Bürgerhäuser ansprechbare Bauten wie das Haus zur Linde oder das Schädlerhaus (beide in Vaduz). Andererseits hielt mit den im Bereich der ersten Fabriken im Mühleholz (Vaduz) und in Triesen errichteten Arbeiterwohnhäusern das Mehrfamilienhaus in Liechtenstein Einzug. Mit diesen Arbeitersiedlungen und den ab den 1920er Jahren in Schaan und Vaduz wachsenden Villenvierteln entwickelten sich abgesonderte Quartiere bestimmter sozialer Schichten; insgesamt weist Liechtenstein sozialtopografisch aber bis heute eine starke Durchmischung auf.

Waren Landwirtschafts- und Gewerbebetriebe traditionell eng mit der Wohnstätte verbunden, erfolgte im 19. und besonders 20. Jahrhundert eine stärkere Trennung von Wohnen und Arbeiten. Diese Entwicklung war begleitet vom bürgerlichen Ideal der Zuordnung der ausserhäuslichen Erwerbsarbeit zum Mann und des Bereichs von Familie und Hausarbeit zur Frau. Die Wohnung wurde zur Privatsphäre, zum intimen Bereich der (Klein-)Familie. Die häusliche Eigenproduktion (Garten, Kleinvieh- und Geflügelhaltung, Vorratswirtschaft) verlor an Bedeutung.

Die auf Licht, Luft und formale Einfachheit ausgerichtete Lebensreformbewegung des frühen 20. Jahrhunderts strahlte durch die ab den 1920er Jahren Liechtenstein erreichende Architektur der Moderne auch auf die Wohnkultur in Liechtenstein aus. Die Umsetzung von Hygienepostulaten trug zum enormen Anstieg des Wohnkomforts bei. Als erste liechtensteinische Gemeinde begann Vaduz 1910 mit dem Aufbau der allgemeinen Wasserversorgung mit Hausanschlüssen, was erste sanitäre Anlagen im Hausinnern ermöglichte. So verbreiteten sich etwa ab den 1930er Jahren Wasserklosetts, welche sich in Mehrfamilienhäusern anfangs meist noch als Gemeinschaftsanlagen im Treppenhaus befanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden vermehrt blecherne Badewannen in den Waschküchen installiert, eigentliche Badezimmer kamen in den 1950er Jahren auf. Etwa ab dieser Zeit erfolgte auch der Aufbau der Kanalisation (→ Abwasser). Den ersten Zentralheizungen ab Mitte der 1930er Jahre folgten ab den 1950er Jahren automatische Ölheizungen. Die besonders ab den 1920er Jahren stattfindende Elektrifizierung wurde zunächst v.a. für elektrisches Licht genutzt, seit den 1930er Jahren für Kochherde, ab den 1940er Jahren für Waschmaschinen und weitere Haushaltsgeräte, welche eine enorme Erleichterung der Hausarbeit brachten. Der Zusammenhang der Elektrifizierung des Haushalts mit der Konsum- und Freizeitgesellschaft wird augenfällig in der Eroberung der Wohnzimmer durch das Fernsehen seit den 1960er Jahren.

Von 1806 bis um 1840 bestand in Liechtenstein ein Hausbauverbot. Da die Bevölkerung trotz dem politischen Ehekonsens (→ Eherecht) weiterwuchs, stieg die Zahl der Personen pro Haushalt an. Die resultierende Wohnungsnot führte zu auch gerichtlich ausgetragenen Konflikten zwischen den notgedrungen unter einem Dach wohnenden Generationen. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart sank die Zahl der Personen pro Haushalt kontinuierlich. Der Trend zum Wohnen im Kleinhaushalt akzentuierte sich besonders in den letzten Jahrzehnten. So stieg der Anteil der Einpersonenhaushalte 1970–2000 von 13 % auf 33 %, jener der Haushalte mit fünf oder mehr Personen fiel von über 30 % auf unter 10 %. Entsprechend stieg 1950–2000 die Zahl der Einzimmerwohnungen um das 14-Fache (seit 1980 wieder rückläufig); überdurchschnittlich wuchs auch die Zahl der Wohnungen mit mehr als fünf Zimmern, durchschnittlich die Zahl der Vier-, unterdurchschnittlich jene der Zwei- und Dreizimmerwohnungen. Die Individualisierung des Wohnens kann auch in den überschaubaren liechtensteinischen Verhältnissen mit Vereinsamung und Anonymität verbunden sein. In Kollektivhaushalten (Altersheimen usw.) wohnten im Jahr 2000 noch 640 Personen (1970: 701).

Die seit den 1950er Jahren geschaffenen Zonenpläne förderten das Entstehen reiner Wohnquartiere und verschärften damit die Trennung von Wohnen und Arbeiten sowie die Ansprüche an die Mobilität. Zwar entstanden nun viele Mietwohnblöcke, aber nur wenige Hochhäuser mit mehr als fünf Geschossen (v.a. in Triesen und Vaduz). Obwohl der Staat seit 1958 den Bau von Eigenheimen fördert, ist die Zahl der Mietwohnungen stark gewachsen (→ Wohnungsbau). Betrug der durchschnittliche Mietpreis für eine Wohnung 1960 noch 123.50 Fr. pro Monat, lag er im Jahr 2000 bei 1225 Fr. pro Monat. Der starke Anstieg der Mieten liess das Wohnen zu einem Armutsrisiko werden, weshalb der Staat seit 2001 Mietbeiträge für einkommensschwache Familien ausrichtet.

Quellen

StatJb.

Literatur

Poeschel: Kunstdenkmäler, 1950; Ergrabene Geschichte, 1985; Büchel: Gemeinde Triesen 2, 1989, 686–690; Vogt: Brücken, 1990; H. Frommelt, P. Albertin: Mittelalterliches Bauen und Wohnen, in: Zeugen, 1992, 82–113; J. Eberle: Walser Heimatmuseum Triesenberg, 1992; Vogt: Balzers, 1995–98; Bauen, 2000; Herrmann: Kunstdenkmäler 1–2, 2013/2007; D. Kurz: W., in: HLS 13 (erscheint 2014).

Medien

Haus Biedermann in Schellenberg, erbaut 1518 (Bildarchiv LLM).

Zitierweise

Julia Frick, Fabian Frommelt, «Wohnen», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Wohnen, abgerufen am 19.4.2019.